Hoffnung am seidenen Faden, Onyx – Magazin für nachhaltiges Wissen, September Ausgabe 2016

Hoffnung am seidenen Faden

Aus Herat kommt seit jeher beste Seide. In der ältesten Stadt  Afghanistans, an der Seidenstraße gelegen, haben jahrzehntelange  Kriege und die Globalisierung die Tradition in der Kultur- und  Handelsmetropole zwar geschwächt, doch das Seidenhandwerk und seine kunstfertigen Weber geben nicht auf. Einige exklusive  Textilien haben es auch in Europas Boutiquen geschafft. Ein  kleiner Schritt in Richtung wirtschaftlicher Wiederaufbau.
Fotos: Aref Karimi/Getty Images

 

Anne-Franziska Gleinig lässt die feine Seide durch ihre Finger gleiten. Der luxuriöse Stoff, wärmend im Winter, kühlend im Sommer, ist fließend weich und trotzdem fest. Die 41-jährige Berliner Modedesignerin prüft in ihrem Laden »Heratart« gerade eine neue Lieferung afghanischer Seidenschals. Sie ist von den Handarbeiten fasziniert: »Die Seide hat eine außerordentlich gute Qualität, die Muster und Farben sind unverwechselbar.« Auf dem deutschen Markt gebe es da wenig Vergleichbares.

afghanistan-herat-seide-06Der feine Stoff stammt von einer Weberfamilie bei Herat, der Kultur- und Handelsmetropole im Westen Afghanistans. Aus der ältesten Stadt des Landes (rund 500 000 Einwohner), an der ehemaligen Seidenstraße, einem Geflecht mehrerer Handelsrouten gelegen, stammen seit jeher beste Rohseide und gewebte Stoffe. Die Kunst der Herstellung reicht Jahrtausende zurück, als sich in der Oase die mit Gold, Gewürzen und Seide beladenen Handelskarawanen kreuzten, von China und Indien über Persien nach Byzanz und Europa. Heute hat der globale Handel zwar andere Routen eingeschlagen, Seide aus Herat bewahrte sich aber bis in die 1970er-Jahre ihre Berühmtheit. Mit dem Einmarsch sowjetischer Truppen und dem darauf folgenden Talibanregime brach die Wirtschaft ein. Inzwischen hat sich die Lage wieder gebessert. Der Handel mit dem benachbarten Iran wächst und die Sicherheitslage ist weniger angespannt als im über sechshundert Kilometer östlich gelegenen Kabul. In den alten Arkaden Herats, rund um die aus der Zeit Alexanders des Großen stammende Zitadelle, arbeiten Weber, Seidenhändler und Kalligraphen. Die kunstsinnigen Handwerker und geschäftstüchtigen Händler versuchen, sich ihren Platz im regionalen Handel und in den Nischen des Weltmarkts neu zu erkämpfen. Kein leichtes Unterfangen, da bei einheimischen Käufern heute vor allem günstige Massenprodukte aus China und Pakistan gefragt sind.

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Afghanische Kinder und Jugendliche 
trocknen die hauch­dünnen Seidenfäden nach traditioneller Art in einem Familien­betrieb bei Herat

Marktchancen gibt es trotzdem. Die im Land hergestellte Rohseide findet auch in der heimischen Teppichherstellung Absatz und ist günstiger als chinesische Importe. Regierung und Weltbank haben in den vergangenen Jahren viele kleine, landwirtschaftliche Kooperativen in den Dörfern gefördert, oft werden sie von Frauen betrieben. Sie unterstützten dabei auch die Seidenherstellung. Über eine Tonne Rohseide wurde vergangenes Jahr in der Region Herat hergestellt. Auch im Norden des Landes, um Masar-e Scharif in der Provinz Balk, ist die alte Tradition mit Unterstützung internationaler Hilfsorganisationen, darunter der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ), wiederbelebt worden. Die beste Rohseide des Landes kommt jedoch aus Herat und seinen umliegenden Dörfern, wo die Herstellung auch in den zurückliegenden, dunkleren Zeiten fortgeführt worden war.

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Eine Frau sammelt Seidenraupen-Kokons von Zweigen des Maulbeerbaums ein. Die Herstellung in Zandajan, westlich von Herat, wurde von der Regierung in Kooperation mit der Weltbank gefördert, um die Seidenherstellung auszubauen

In der fruchtbaren Hochebene an den Ufern des Flusses Harirud werden seit jeher nicht nur Pistazien, Mandeln und Safran, Trauben und Aprikosen angebaut und exportiert. Im warmen, trockenen Klima der Region gedeihen auch die alten Plantagen mit Maulbeerbäumen, deren junge Blätter das Grundnahrungsmittel der gefräßigen Seidenraupen sind. Wenn sie aus den Eiern des Seidenspinners (Bombyx mori) entschlüpfen, einem eher unscheinbaren, kleinen Nachtschmetterling, entwickeln die Raupen unersättlichen Appetit. Sie fressen rund 30 Tage lang und verspinnen sich dann zu Kokons, die aus einem einzigen bis zu 1 000 Meter langen Seidenfaden bestehen.

Der Kokon wird in heißes Wasser eingeweicht und gebürstet, um den Anfang des Fadens zu finden und ihn auf eine Haspel zu spinnen. Die Rohseide (Grège) muss dann im heißen Seifenbad vom Seidenleim entbastet werden. Entsprechend teuer ist völlig entbastete, sogenannte Glanzseide, die zu Seidendamast, Atlasseide oder Seidenduchesse verwebt wird. Wildseide, aus den Kokons bereits geschlüpfter Schmetterlinge, zeigt nach dem Weben unregelmäßig-noppige Textiloberflächen und ist deutlich günstiger.

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Die Seidenfäden werden auf eine Haspel aufgezogen, nachdem der Kokon in heißem Wasser eingeweicht wurde. Erst danach lässt sich der Anfang des dünnen 
Fadens finden

»Die Herstellung guter Seide ist ein sehr aufwändiger Prozess«, sagt Annette Schieck, Direktorin des Deutschen Textilmuseums in Krefeld. Der feine Stoff ist nach wie vor ein absolutes Luxusprodukt, »das in China bereits seit etwa 2 700 vor Christus hergestellt wird«. Der Handel gab der Seidenstraße ihren Namen, wobei das Geheimnis um die hauchdünnen Fäden im Westen erst im sechsten Jahrhundert gelüftet wurde. Angeblich hatten zwei Mönche in ihren Pilgerstäben Eier des Seidenspinners und Maulbeerbaumsamen aus China nach Byzanz, dem heutigen Istanbul, geschmuggelt. Erst später, ab dem elften Jahrhundert, konnte sich die Produktion dann auch in Spanien, Frankreich und Oberitalien etablieren, ab dem 17. bis zum 19. Jahrhundert sogar in Krefeld.

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Die Seidenfäden werden per 
Maschine getrocknet und versponnen, im Bild oben erfolgte der Prozess noch manuell. Nach Jahrzehnten des Krieges arbeiten die 
Seidenmanufakturen überwiegend in 
Handarbeit

Heute wird der Weltmarkt für Rohseide in unterschiedlichen Qualitätsstufen von China, Indien und Brasilien dominiert. Kleine Anbauländer wie Afghanistan finden dank ihres guten Klimas, niedriger Lohnkosten und langer Erfahrung Abnehmer im heimischen Markt. Die stolzen Weber des Landes, deren Teppiche und Seidentextilien bis zum Einmarsch der Russen weltberühmt waren und für höchste Qualität in Zentralasien standen, müssen sich ihre Marktanteile heute aber neu erobern. In den Jahrzehnten des Krieges und Bürgerkrieges haben sie viele Fachkräfte und Absatzmärkte verloren. Die Manufakturen in den Weberdörfern, deren florales Design einst Persien und Zentralasien entscheidend beeinflusst hatte, müssen ihre Produkte heute vielfach über Peschawar als »Made in Pakistan« verkaufen.

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Geschäft in Herat: Gefärbte Wolle, Pashmina (Kashmir und Seide) oder reine Seide werden in unterschiedlichen Qualitätsstufen verkauft. 
Viele Frauen weben noch selbst, in konservativen Familien tragen die Frauen Burka

Doch die Entwicklung macht vielerorts auch Hoffnung. Seit dem Sturz der Taliban hat sich etwa die Teppichindustrie – über eine Million Afghanen  sind in der Herstellung des wichtigsten Exportprodukts direkt beschäftigt – wieder Marktzugänge im Westen erarbeitet. Auch afghanische Seidenstoffe haben ihren Weg in amerikanische und europäische Boutiquen gefunden. Die Berliner Designerin Anne-Franziska Gleinig etwa bezieht ihre Seidenschals direkt von einem Händler aus Herat und verkauft sie auch online. Eine Freundin, die Spiegel-Auslandskorrespondentin Susanne Koelbl, eine der besten deutschen Afghanistan-Kennerinnen, hatte ihr einige Seidenschals von ihren Reisen mitgebracht. »Sie stellte mir dann ihre Erfahrung und Kontakte zur Verfügung«, so Gleinig.

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Afghanistan wird seit der Gründung im Jahr 1747 durch Ahmed Schah 
Durrani von Paschtunen regiert. Auch Herat, im Westen des Landes, 
das bis dahin zu Persien gehörte, ist seit dieser Zeit Teil Afghanistans

Inzwischen gibt es mehrere afghanische Online-Shops, die hochwertige Seide anbieten. Shaima Breshna etwa hat sich über die Website azezana.net einen Kundenstamm aufgebaut. Die 74-jährige Exil-Afghanin aus Karlsruhe beliefert europäische Abnehmer und verkauft die Seidenschals auch direkt vor Ort in Kabul. Dort gründete sie vor über zehn Jahren eine Seidenweberei, unterstützt von einer amerikanischen Hilfsorganisation. 18 Frauen, die meisten sind Witwen, die ihre Männer in Kriegen verloren haben, finden so Arbeit und Auskommen für ihre Familien.

»Die Rohseide kaufen wir in Herat ein, weil dort die Qualität am besten ist«, sagt Shaima Breshna. »Wir färben unsere Seide dann selber und verwenden dafür überwiegend Naturfarben.« Das ist zwar arbeitsintensiver, die Töne sind aber vielfältiger und ausdrucksstärker. Aus dem Sud von Granatapfelschalen und Maulbeerholz kann etwa ein sehr zartes Gelb entstehen, Safran färbt Wolle und Seide gelborange, Blau stammt aus der Indigopflanze.

Vor Ort sei das Geschäft in den letzten Jahren schwieriger geworden, berichtet Shaima Breshna. Aus Sicherheitsgründen gehen etwa in Kabul kaum noch Ausländer in den legendären Bazar an der »Chicken Street«, wo Händler aus dem ganzen Land ihre Waren anbieten. Die Sicherheitslage hat sich auch in anderen Städten verschlechtert, seit die internationalen ISAF-Truppen Ende 2014 abgezogen sind und nur noch knapp 12 000 Nato-Soldaten zur Ausbildung und Beratung im Land verbleiben.

Von der Sicherheit hängt auch der weitere wirtschaftliche Aufschwung im Land ab. Dabei hat Afghanistan – oft wenig beachtet – unübersehbare Fortschritte gemacht. Am augenfälligsten wohl in Herat, wo es durchgehend Elektrizität und mehrere hundert Industriebetriebe gibt, die von Kleinkrafträdern und Plastik bis zu Softdrinks oder Yoghurt viele Produkte selber herstellen. Die von Paschtunen, Turkmenen, Tadschiken und Hazaaras bewohnte Stadt exportiert Marmor und blaues Glas, Teppiche und Seide. Honig, Pistazien und Trockenfrüchte aus der Region genießen in den Nachbarländern bis nach Dubai einen exzellenten Ruf.

herartart.com

Herrenschal aus Seide im persischen Muster (»Paisley«), per Hand von einer turkmenischen Weberfamilie nördlich Herats gefertigt, kostet der Schal 98 Euro (185 x 59 cm) im Berliner Laden »Heratart« (Fehrbelliner Straße 30)

Die alte Universitätsstadt am Fuß des Hindukusch liegt nach wie vor an einem strategisch wichtigen Kreuzungspunkt der asiatischen Handelsrouten und ist mit dem nahen Iran durch eine Schnellstraße verbunden. Seine Bewohner haben bislang ohnehin noch alle Wechselfälle der Geschichte überstanden, von der Besetzung durch Alexander den Großen 330 vor Christus bis zu Dschingis Khans Mongolen, den Timuriden und den Folgen des »Great Game« im 19.Jahrhundert. Zwischenzeitlich war man auch schon mal Hauptstadt eines eigenen Königreichs, doch die Zeiten sind vergänglich. Kaum jemand weiß das besser als die Bewohner Herats, die über den Wechselfällen der Geschichte ihren Geschäftssinn ebensowenig verloren haben wie ihr reiches kulturelles Erbe, ihren Sinn für Poesie und Design.

Die Farben und originären Muster der Seidenstoffe sind es denn auch, welche Anne-Franziska  Gleinig nach wie vor stark faszinieren. »Bei uns studieren die Leute jahrelang und bringen bei weitem nichts Vergleichbares zustande«, sagt sie. Die Berliner Designerin ist überzeugt, dass auch in der Mode, ähnlich wie bei Bio-Lebensmitteln, das Bewusstsein der Käufer für gute Qualität, für die Schönheit der seltener werdenden Handarbeiten wachsen wird: »Seide aus Herat hat  definitiv Marktpotenzial.«

mo, Onyx, Ausgabe September 2016