Anthropozän – die Welt im Turbomodus

Mit der großen Beschleunigung um 1950 hat ein neues Erdzeitalter begonnen. Wissenschaftler legen Kennzahlen vor

Selbst Will Steffen hatten die Charts anfangs überrascht. Alle Kennzahlen zum Zustand des Globus steigen um 1950 sprunghaft an. »Es ist schwer, das Ausmaß und die Geschwindigkeit des Wandels zu überschätzen«, sagt der Professor  an der australischen Nationaluniversität in Canberra.

Mit 24 globalen Indikatoren, die von ihm sowie dem Stockholm Resilience Centre und dem International Geosphere-Biosphere Programme entwickelt wurden, beschreibt er die Veränderungen des Erdsystems seit der industriellen Revolution um 1750, besonders aber seit den 1950er Jahren.

Biologische Faktoren wie das dramatische Artensterben; chemische Kriterien wie der intensive Einsatz von Kunstdünger und Stickstoffen, ökonomische Zahlen über Energieverbrauch, Bevölkerungsentwicklung und Produktivität belegen eine Veränderung des Erdsystems, wie es sie sehr lange nicht mehr gegeben hat.

Das neue Erdzeitalter Anthropozän hat schon begonnen …

Menschliches Handeln, insbesondere das globale ökonomische System, sei zum ersten Beschleuniger des Erdwandels geworden, so Steffen. Nach 1950 steigen die Kurven aller Indikatoren parallel  zum wirtschaftlichen Wachstum. Eine stabile Entwicklung zeigen die Charts,  die im »Anthropocene Review« online zugänglich sind, jedenfalls nicht an. Eher Schwankungen, die es seit 12 000 Jahren nicht mehr gegeben hat.

So lange dauert das gegenwärtige Erdzeitalter des Holozäns schon an. Nach dem Ende der letzten Eiszeit und dem Beginn von Ackerbau und Viehzucht legte die Industrialisierung auf Basis fossiler Energieträger dann die Bedingungen für eine große Beschleunigung, die vom linearen in ein exponentielles Wachstum übergegangen ist.

Der Beginn eines neuen Erdzeitalters ist eigentlich auch unter Geologen unstrittig. Allein auf ein Datum konnte man sich noch nicht einigen. Favorisiert wird derzeit der 16. Juli 1945, als die erste Atombombe in der Wüste New Mexikos detonierte. Die folgenden Atomtests bis zum Teststoppabkommen im Jahr 1963 werden in der Erdkruste noch mehrere Millionen Jahre nachweisbar sein.

Darauf, wann das neue Erdenzeitalter auch geologisch beginnt, konnten sich die Wissenschaftler bislang noch nicht einigen. Für die Forscher rund um Will Steffen im Stockholmer Resilience Centre und dem Geosphere-Biosphere-Programme, welche die Zahlen für den Wandel des Erdsystems seit 2004 erheben und aktualisieren, beginnt die große Beschleunigung in den 1950er Jahren. »Wir sind definitiv dabei«, so Steffen, »die Erde als Lebenserhaltungssystem des Menschen zu destabilisieren.«

mo, Onyx Oktober 2015