Lichtblicke im Kampf gegen die Armut

Das globale Wirtschaftswachstum hat die Armut schneller halbiert, als es die Vereinten Nationen in ihren Millenniumszielen vorsahen. In vielen Ländern nahm aber auch die Einkommensungleichheit zu. Über neue Trends und Lösungen für nachhaltiges Wachstum

Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer und Schuld daran ist die Globalisierung, gegen die man ohnehin nichts machen kann – so eine weit verbreitete Ansicht. Die Welt wird einfach immer schlechter, so viele problemorientierte Gebildete.

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Dr. Max Roser forscht seit 2012 als Research Fellow in Oxford am Institute for New Economic Thinking. Der 32-jährige Deutsche aus Kirchheimbolanden bei Mannheim hat in Berlin und Innsbruck Geowissenschaften, Philosophie und Volkswirtschaft studiert

Dieser Meinung hing auch Max Roser lange an, bis der 32-jährige Philosoph und Ökonom bei seinen Datensammlungen über Armut und Ungleichheit auch auf überraschend viele positive Trends stieß. Die stellt der in Oxford forschende Wissenschaftler seitdem in beeindruckenden Grafiken auf der Website ourworldindata.org ins Netz und hat damit eine umfangreiche Faktensammlung erstellt. Danach verdoppelte sich die Lebenserwartung in den vergangenen hundert Jahren auf 70 Jahre, die Zahl der Analphabeten ging von rund 80 auf 20 Prozent zurück und die extreme Armut nimmt seit einiger Zeit schneller ab als jemals zuvor.

Das Millenniumsziel der Vereinten Nationen, die Halbierung der Armut von 1990 bis 2015, wurde bereits fünf Jahre früher erreicht. Nach der von der Weltbank definierten Grenze – früher war es ein, seit 2015 sind es 1,90 US-Dollar Einkommen pro Tag – sank der Anteil armer Menschen von ehemals rund 44 (1981) auf knapp zehn Prozent im Jahr 2015 – trotz starken Wachstums der Weltbevölkerung. Jeder Zehnte leidet aber nach wie vor an Hunger. Allein in Asien mussten im Jahr 2011 551 Millionen Menschen unter der Armutsgrenze leben, 436 Millionen in Afrika und 15 Millionen in Südamerika. In Indien gab es mit fast 300 Millionen Menschen die meisten Armen, gefolgt von Nigeria und China mit 107 und 84 Millionen. Das starke globale Wirtschaftswachstum verbessert die Lebensbedingungen aber weiter, auch Afrika entwickelte sich positiver, als es die oft negativen Schlagzeilen vermuten lassen. Die globale Ungleichheit bleibt trotzdem enorm: Weltweit betrachtet ist die Gruppe der ärmsten Dänen immer noch viel »reicher« als die reichsten Ugander.

Anteil der extrem Armen nimmt ab: Wer von weniger als 1,90 Dollar pro Tag leben muss, gilt nach Definition der Weltbank als extrem arm. In der Grafik wird dies in internationalen Dollar (Preise von 2011) dargestellt, die über Zeit- und Ländergrenzen hinweg angepasst sind. In den bevölkerungsreichen Entwicklungsländern Ostasiens und des Pazifiks nahm der Anteil armer Menschen von rund 81 auf 7 Prozent ab (Datenquelle: Weltbank). Grafik: Max Roser, ourworldindata.org

Anteil der extrem Armen nimmt ab: Wer von weniger als 1,90 Dollar pro Tag leben muss, gilt nach Definition der Weltbank als extrem arm. In der Grafik wird dies in internationalen Dollar (Preise von 2011) dargestellt, die über Zeit- und Ländergrenzen hinweg angepasst sind. In den bevölkerungsreichen Entwicklungsländern Ostasiens und des Pazifiks nahm der Anteil armer Menschen von rund 81 auf 7 Prozent ab (Datenquelle: Weltbank). Grafik: Max Roser, ourworldindata.org

 

einkommensverteilung

Die Welt wird reicher, die ungleiche Verteilung des Einkommens hat abgenommen: Im Jahr 1820 (rote Kurve) lebte die Mehrheit der Menschheit in extremer Armut von rund 500 internationalen Dollar pro Jahr. 150 Jahre später (blaue Kurve, Kamelform) war die Welt in arme Entwicklungsländer (rund 500 Dollar/Jahr) und zehn Mal reichere Industrieländer (rund 5000 Dollar/Jahr) geteilt. 30 Jahre später (grüne Kurve) hat die Ungleichverteilung durch den Aufstieg asiatischer Länder abgenommen. Daten: van Zanden et al (eds, 2014) – How was life?, OECD , Grafik: Max Roser, ourworldindata.org

Die Ärmsten profitieren trotz der negativen Seiten des Wachstums – aber weniger

Während in Europa und Amerika die extreme Armut von ehemals über 90 Prozent der Bevölkerung im Zuge der Industrialisierung viel früher verschwand, holen das seit den 1970er-Jahren auch frühere Entwicklungsländer nach. Im Vergleich (siehe Grafik oben) hat die ungleiche Einkommensentwicklung seit knapp 50 Jahren abgenommen. Vom starken globalen Wachstum – mit Schattenseiten wie Klimawandel, Artensterben und Überdüngung – profitieren inzwischen auch die Ärmsten, wenn auch oft weniger stark als die sehr Reichen.

Das reichste Prozent der Weltbevölkerung – rund 70 Millionen Menschen – besitze mehr als die restlichen 50 Prozent, kritisierte Oxfam Anfang des Jahres auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Die Nichtregierungsorganisation forderte, große Vermögen und Kapitalgewinne gerechter zu besteuern sowie deren Verschiebung in Steueroasen zu stoppen. Dadurch gingen allein den Entwicklungsländern jedes Jahr mindestens 100 Milliarden US-Dollar an Steuereinnahmen verloren. Die G 20-Staaten haben zwar einen Aktionsplan zur Bekämpfung der Gewinnverlagerungen großer Unternehmen vorgelegt, nachhaltige Lösungen fehlen aber noch.

»Das Kapital im 21. Jahrhundert«: globale Gerechtigkeitsfragen stärker im Fokus

ginikoeffizient

Gini-Koeffizient: Maß für ungleiche Einkommens-verteilung (nach Steuern): Bei 0 Prozent hat jeder gleich viel, bei 100 Prozent einer alles. Weitere Infos zur langjährigen Einkommens-verteilung von über 40 Ländern: wid.world (Wer besitzt wieviel)

Der Druck auf die Politik dürfte hoch bleiben, nachdem die Debatte um Armut und Reichtum seit Thomas Pikettys Bestseller »Das Kapital im 21. Jahrhundert« (2014) auch die Industriestaaten erreicht hat. Der Pariser Volkswirt wies in seinem Buch nach, dass in vielen Ländern die Ungleichheit enorm zugenommen hat. Piketty hatte erstmals Einkommensteuerdaten über sehr lange Zeiträume ausgewertet und festgestellt, dass Kapitalerträge deutlich schneller wachsen als  Arbeitseinkommen. So entfielen im Jahr 2010 in den USA auf die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung rund fünfzig Prozent aller Lohn- und Kapitaleinkommen (Europa: rund 35 Prozent). Die Besteuerung – in Deutschland etwa für Kapitalerträge pauschal 25, für Arbeit progressiv bis 45 Prozent – verstärke die ungleiche Vermögensverteilung, gefährde den sozialen Zusammenhalt.

Die wachsende Einkommensungleichheit betrifft die Markteinkommen (vor Steuern) in allen OECD-Ländern. Nach der staatlichen Umverteilung durch Steuern hat die Ungleichheit seit den 1980er-Jahren in englischsprachigen Ländern wie den USA stärker zugenommen als in Europa. Dort ist der Gini-Koeffizient (siehe Grafik links), ein wirtschaftliches Maß für Einkommensungleichheit, vergleichsweise weniger stark angestiegen.

Eine ungerechte Verteilung ist daher kein von globalen Marktkräften bestimmtes Schicksal. Die Politik könne dies stark beeinflussen, sagt Max Roser. Der Wissenschaftler erforscht vor allem die Entwicklung beim ärmsten Teil der Bevölkerung. Er kennt deren Probleme durch längere Reisen in Afrika, Asien und Südamerika aus  eigener Anschauung. Seit 2012 arbeitet er in Oxford mit Sir Anthony Atkinson zusammen,  einem der angesehensten Gerechtigkeitsforscher unter Ökonomen. Ihr gemeinsames Thema sind die politischen Rahmenbedingungen für ein inklusives, nachhaltiges Wachstum, von dem alle Einkommensschichten gleichermaßen profitieren. Roser macht viele Forschungsergebnisse mit interaktiven Grafiken im Internet für alle zugänglich. Eine Empfehlung zum Weiterlesen.

mo, Onyx, Ausgabe September 2016