Warmes Wasser aus dem Internet

Die Dresdner Firma Cloud & Heat betreibt Rechenzentren in Wohnhauskellern.
Das spart Energie für die Kühlung der Computer und fürs Heizen der Häuser

Wann immer Prof. Christof Fetzer die Räume mit den riesigen Rechnern in seinem Institut betrat, beschlichen ihn Zweifel; und weil Fetzer Informatiker an der TU Dresden ist, laufen reichlich viele Rechner in seinem Reich. Irgendetwas läuft hier mächtig schief! Computerzentralen verbrauchen so viel Strom, dass sie heiß werden und daher permanent gekühlt werden müssen, damit die Siliziumchips nicht ausfallen. So wird doppelt Energie verbraucht: Erst aufheizen, dann abkühlen – klingt nicht vernünftig. Als Fetzer und seine Familie daran gingen, ein Haus zu 
planen, fiel ein Groschen, der gerade dabei ist, die Welt der Server zu verändern.

Dabei ist die Idee – wie so viele 
Geniestreiche – recht simpel. Die zentrale Frage des Professors: Warum die Rechner nicht da aufstellen, wo Wärme zum Duschen und Heizen benötigt wird? So ließe sich doppelt Energie sparen – einmal für die Kühlung der Prozessoren und einmal für die Erwärmung des Wassers. Schließlich lassen sich Daten einfach und so gut wie kostenlos transportieren; 
anders als Wärmeträger. Sie benötigen Lastwagen oder Rohrleitungen.

Das Ergebnis der Überlegungen hat inzwischen eine Adresse: Dresden, Wallotstraße 5, Untergeschoss. Hinter einer Stahltür mit Videoüberwachung stehen 20 schwarze Schränke, die an Spinde in Umkleideräumen von Sporthallen erinnern. In den Schränken stapeln sich Computerserver; mit Hunderten von Kabeln verbundene Metallkästen, an denen permanent rote und grüne Lämpchen blinken. Da sind sie also, die Strom-fresser, die nun eine zweite Aufgabe erfüllen. Ihre Abwärme reicht aus, um den gesamten Heißwasserbedarf von 56 Wohnungen zu decken. Darüber hinaus ersetzen sie im Winter etwa ein Drittel der im Wohnblock benötigten Fernwärme. Peter Klengel, technischer Vorstand der Dresdner Wohnungs-genossenschaft »Aufbau«, zieht die Bilanz: »Unsere Mieter sparen durch die Anlage etwa zehn Prozent ihrer Kosten.«

Foto: Anja Jungnickel

Der Physiker Jens Struckmeier zwischen Großservern im Keller, Foto: Anja Jungnickel

Die Realisationsphase dieses Projekts, das sich am Ende »Cloud & Heat« nennen wird, nahm ihren Anfang beim 
Elternabend von Fetzers Tochter. Neben ihm saß Jens Struckmeier, Vater eines Sohns. Sehr aufregend kann der Elternabend nicht gewesen sein, jedenfalls erzählt Fetzer nebenbei von seinen Überlegungen. Der Physiker Struckmeier war gleich elektrisiert. Schon bald gelang es ihm, einen Prototypen zu konstruieren. »Alles klappte erstaunlich gut«, berichtet der 44-jährige Tüftler mit dem Karohemd. Er integrierte Wasserleitungen in die Server und führte diese zu einem Wärmetauscher.

2011 zog Familie Fetzer in ihr neues Haus. Auf ein Blockheizkraftwerk kann sie verzichten – die Funktion übernehmen nun 17 Großrechner in einem schwarzen Schrank. Es funktioniert. Struckmeier: »Da kam mir der Gedanke, dass man das ja auch im großen Stil machen könnte.« Und so suchten die beiden noch einen dritten Mann, einen, der etwas von Betriebswirtschaft versteht, und gründeten ihre Firma.

Cloud & Heat residiert in einer alten Fabrikhalle in der Königsbrücker Straße in Dresden. Früher hämmerten, schweißten und feilten hier Arbeiter an Flugzeug- und Schiffskomponenten, heute lenken Menschen lautlos Datenströme und Informationen per Mausklick. Die Herstellung und Installation der Serverschränke hat ein Auftragsproduzent übernommen. Das Chefzimmer, über eine schmale Treppe zu erreichen, steht meist offen und ist zugleich Besprechungsraum. Von hier oben kann Struckmeier das Großraumbüro überblicken, in dem etwa 40 Menschen an locker verteilten Schreibtischen sitzen. Junge, leger gekleidete Männer, die lange Zahlenkolonnen und komplizierte Organigramme auf Monitoren vor sich studieren.

Zum Beispiel Steffen Robbi, Maschinenbauingenieur. Er überwacht und regelt mehrere Heizungs- und Lüftungsanlagen; läuft irgendwo etwas richtig schief, melden die Maschinen das per E-Mail oder SMS. »Mein Antrieb und Interesse ist die Energieeffizienz«, sagt der 36-Jährige. Er genieße das Startup-Feeling bei Cloud & Heat – hier habe er mehr Gestaltungsmöglichkeiten als in etablierten Betrieben und könne seinen »innovativen Charakter« gut ausleben.

Ein Teil der Belegschaft ist für die Wärmekundschaft zuständig, der andere für Unternehmen, die große Datenmengen verarbeiten wollen. Struckmeier: »Das sind zwei sehr unterschiedliche Kulturen – der Heizungsmarkt ist konservativ, langsam und lokal, während die Veränderungen im IT-Bereich sehr rasch gehen und international vernetzt ablaufen.« Die Verknüpfung der beiden Sphären ist nicht einfach – viele zweifelten sogar, dass sie überhaupt gelingen könnte.

Hohes Datentempo, guter Preis

Ein Irrtum, wie sich herausstellte. Inzwischen gibt es 108 Serverschränke in deutschen Kellern – nicht nur in Dresden, sondern zum Beispiel auch in Münster, Hamburg, Hamm oder Friedrichshafen. Von Dresden aus werden die Datenströme dorthin geleitet, wo es freie Kapazitäten gibt. Die internationale Kundschaft, zu der große Pharmafirmen oder Forschungseinrichtungen zählen, erwirbt nicht mehr eine feste Menge an Speicherplatz, sondern kauft stundenweise Rechnerleistung in der Cloud. »Dass ihre Daten Wärme produzieren, interessiert diesen Teil der Kunden nur am Rande. Entscheidender sind für sie der recht günstige Preis, die hohen Geschwindigkeiten und die Sicherheit, auch bei lokalen Stromausfällen weiterarbeiten zu können«, so Struckmeier. Für die Datensicherheit sorgen nicht nur die Kameras in den Hauskellern, sondern auch Verschlüsselungstechniken. Wer möchte, kann künftig auch festlegen, dass die eigenen Daten ausschließlich auf Servern in der eigenen Stadt verarbeitet werden. Zugleich ist Cloud & Heat aber auch an der Börse für Rechnerleistungen gelistet, die gerade in Frankfurt aufgebaut wird.

Einstweilen ist es noch einfacher, Kunden für die Wärme-Seite zu finden als für die Rechner-Seite. Daten sind ein wahrlich heißes Eisen. Für einen Hauseigentümer ist die Rechnung einfach. Die Installation eines Serverschranks kostet ihn 12 000 Euro – dafür bekommt er die Abwärme fortan kostenlos. In der Regel zahlt sich das im Vergleich zu herkömmlichen Feuerungsanlagen innerhalb von sieben bis acht Jahren aus.

Noch arbeitet das Unternehmen nicht profitabel. Das könnte sich schnell ändern; die nächsten Phasen im Mobilfunkbereich und bei der Industrieautomatisation stehen an. Diese technischen Neuerungen benötigen noch weitaus kürzere Reaktionszeiten der Server als die bisherigen 100 Millisekunden.

Eine hundert Mal so große Geschwindigkeit des Datentransports kann nur erreicht werden, wenn die Steuerungsmaschinen maximal 30 Kilometer vom Nutzer entfernt stehen, denn die Informationen müssen durch die Glasfasern hin- und wieder zurücklaufen. Struckmeier gelassen: »Schneller als Lichtgeschwindigkeit können sie dabei nicht werden. Deshalb wird man in absehbarer Zeit ein dezentrales Servernetz brauchen. Wir haben es.«

AJ, Onyx, Ausgabe Februar 2016