Der Schatz von Timbuktu

Die Privatbibliotheken Timbuktus sind das Gedächtnis Afrikas. In Kisten verpackt haben ihre Besitzer die 300 000 antiken Manuskripte gerade noch gerettet, bevor Terrormilizen sie verbrennen konnten. Hamburger Wissenschaftler helfen, das Erbe für die Menschheit zu sichern

Ein unscheinbares Wohngebäude in Bamako. Die deutsche Restauratorin Eva Brozowsky entriegelt die Eisentür des dreistöckigen Hauses; auf dem sandigen Platz davor spielen ein paar Kinder Fußball. Wenig deutet darauf hin, dass sich hinter den Mauern einer der größten Schätze Afrikas befindet. Er lagert in schnöden Metallkisten, randvoll mit Handschriften aus dem 12. bis frühen 20. Jahrhundert.

Es sind die Privatbibliotheken Timbuktus, knapp 300 000 Bände mit antiken Manuskripten, so grobe Schätzungen. Handschriften mit arabischer Poesie, Philosophie und Rechtsprechung. Vergoldete kalligrafische Kunstwerke in geprägten Lederhüllen. Astronomische Berechnungen auf Kamelhaut, alte Chroniken auf orientalischem Papier.

Viele Werke stammen aus einer Zeit, als in Afrika das Herz der kulturellen Welt schlug. Lange vor den Europäern hatten die Afrikaner bereits Papier und Timbuktu zählte zu den bedeutend-sten Universitätsstädten des Kontinents. Die gelehrten Familien der Stadt bauten damals ihre Bibliotheken auf, hüteten sie über die Jahrhunderte, bis sie diese vor drei Jahren erstmals in ihrer so langen Geschichte evakuieren mussten. In einer Geheimaktion packten sie 2 400 Metallkisten und brachten sie in die rund 1 000 Kilometer entfernte Hauptstadt Malis – bevor al-Quaida-nahe Terrormilizen sie verbrennen konnten.

Afrikas Gedächtnis in 35 privaten Bibliotheken

»Es sind einzigartige Sammlungen«, sagt Eva Brozowsky. Die 35-jährige Diplomrestauratorin hat schon einiges gesehen, doch die Aura der alten Manuskripte fasziniert auch sie. Einzelne Blätter sind mitunter wie Amulette gestaltet, den Farben Blut oder Haare beigemischt. Andere Manuskripte trugen die Besitzer als »Taschenbuch« auf Reisen immer bei sich.

Die Papierspezialistin ist derzeit mehrmals im Jahr in Bamako. Dort lagern die fragilen Handschriften in einem Archivgebäude und mehreren Wohnungen. Auch aus Sicherheitsgründen, wie es heißt. Viele Manuskripte sind in schlechtem Zustand, von Termiten und Tintenfraß bedroht, säurehaltige Umschläge schädigen das alte Papier, der Druck in den Kisten macht dem brüchigen Material zu schaffen.

Eva Brozowsky ist Teil einer internationalen Rettungsaktion, die von mehreren Staaten und Stiftungen finanziert wird. Die Expertin bildet einheimische Restauratoren aus, hilft bei der Konservierung. Angesichts der schieren Masse an Manuskripten – viele Kisten sind noch nicht einmal ausgepackt – gleicht es aber einem Wettlauf gegen die Zeit, das Wissen und die Weisheit Afrikas für die Nachwelt zu bewahren.

»Die Bibliotheken sind einzigartig, weil die Manuskripte über die Handelsrouten aus allen Teilen der islamischen Welt kamen und auf den Seiten oft nachträgliche Kommentare der Gelehrten oder geschichtliche Anmerkungen stehen«, sagt Dr. Dmitry Bondarev. »Die Manuskripte erzählen so die Geschichte des Kontinents über die Jahrhunderte hinweg.« Der Afrikaforscher leitet das deutsche Timbuktu-Projekt mit sechs Mitarbeitern. Es wird vom Auswärtigen Amt und der Gerda Henkel Stiftung finanziert.

Rettung für Timbuktus Erbe an die Menschheit

Dmitry Bondarev und Eva Brozowsky arbeiten an der Universität Hamburg im Sonderforschungsbereich »Manuskriptkulturen in Asien, Afrika und Europa«. Das interdisziplinäre Zentrum erforscht Handschriften im Zusammenspiel der Kulturen. Als Medium der Schriftlichkeit waren sie Grundlage für geistigen Austausch, Wissen und Reichtum. Frühe Handschriften bestanden aus Papyrus oder Pergamenten aus Tierhäuten, bis das Papier zum neuen Medium avancierte.

Bereits im achten Jahrhundert gelangte die Kunst der Papierherstellung aus China in die arabische Welt, vierhundert Jahre, bevor sie sich über das maurische Andalusien langsam nach Europa verbreiten konnte. In den damaligen Wissenszentren, in Bagdad, Kairo oder in Fez, wurden die großen Werke der griechischen Philosophie übersetzt und bewahrt, als Europa sie längst vergessen hatte. Ohne diese Überlieferungen und Gelehrte wie Ibn Ruschd (Averroes) wäre die spätere Renaissance in Italien kaum möglich gewesen.

Goldenes Zeitalter, Mythos und Sehnsuchtsort

Die Bibliotheken Timbuktus bezeugen diese alte Hochkultur. Die ältesten Manuskripte stammen aus dem 12. Jahrhundert, das Papier kam damals aus Damaskus und anderen arabischen Zentren der Herstellung. Erst später, ab dem 15. Jahrhundert, wurde es aus Europa, insbesondere aus der Gegend um Venedig importiert. Im trockenen Klima des Sahels überdauerten die Werke. Viele sind Kopien von Originalen, in den lokalen Sprachen der Region geschrieben, meist aber in arabisch, das, ähnlich dem Latein Europas, die Sprache der Gelehrten war.

Viele Privatbibliotheken entstanden im 15. und 16. Jahrhundert, dem goldenen Zeitalter Timbuktus. 25 000 Studenten und 150 Schulen gab es damals rund um die Sankore Universität und andere, noch heute erhaltene Moscheen. Ahmed Baba, der berühmteste Philosoph Timbuktus, wirkte in einer Stadt, die Gelehrte aus ganz Afrika anzog. Sie forschten, schrieben und tauschten sich über Manuskripte mit den Wissenszentren Nordafrikas und des Nahen Ostens aus, über Andalusien oder die Türkei lief der Wissenstransfer mit Europa.

Die Oase am Ufer des Nigers, am Kreuzungspunkt mehrerer Karawanenrouten durch die Sahara, reich geworden durch den Handel mit Salz, Gold und Sklaven, war die Drehscheibe zwischen dem tropischen und dem mediterranen Afrika. Und sie war ein florierendes Buchhandelszentrum. Das Geschäft mit handgeschriebenen Büchern werfe »mehr Gewinn ab als der Handel mit allen anderen Waren«, notierte der maurische Diplomat Hassan al-Wazzan (Leo Africanus) im 16. Jahrhundert.

Die Straßen der Stadt waren zwar nicht mit Gold gepflastert, wie man es sich im frühen europäischen Mittelalter so gerne erzählte. Damals, 1324, hatte Mansa Musa, der König des Reichs von Mali, während einer Pilgerfahrt in Kairo so viel Gold ausgegeben, dass der Kurs des ägyptischen Dinars auf Jahre hinaus abgestürzt war.

Vom Gold, das in Europa den Mythos Timbuktus begründete, als Sehnsuchtsort am Ende der Zeit, vom Gold berichten die Manuskripte zwar auch – im Handel wurden sie seit jeher in Gold aufgewogen, der Preis ist oft auf den Seiten notiert. Der eigentliche Reichtum der Handschriften handelt aber von den Erkenntnissen, von der Geschichte und Weisheit Afrikas.

Das Weltkulturerbe in Pirogen und auf Eseln

Es gibt Manuskripte über gute Regierungsführung aus dem 15. Jahrhundert, Abhandlungen über die Menschenrechte aus dem frühen 18. Jahrhundert oder Berichte über die ersten Europäer in der Stadt, den Hamburger Heinrich Barth etwa, der 1853/54 freundlich aufgenommen wurde und dem auf Weisung des geistlichen Oberhaupts Timbuktus im ganzen Land kein Haar gekrümmt werden durfte.

»Die Manuskripte gehören nicht uns allein, sondern allen Menschen«, sagt Dr. Abdel Kader Haidara. Der 51-Jährige betreut eine der größten Privatbibliotheken Timbuktus. Er entstammt einer Familie von Gelehrten, Richtern und Schriftstellern. Haidara, der in Rabat Bibliothekswesen studierte, ist ein rundlicher, freundlicher Mann, immer verbindlich, und im makellosen Boubou, der traditionellen Kleidung Malis gewandet, sieht er eigentlich gar nicht so aus, als hätte er vor kurzem eine der größten Rettungsaktionen der neueren Geschichte organisiert.

»Wir mussten etwas tun«, erinnert er sich. Mali war nach einem Militärputsch im März 2012 implodiert, Terrormilizen hatten den Norden des Landes eingenommen. Als Vorsitzender des Verbands der Eigentümer von Manuskriptsammlungen in Timbuktu (SAVAMA-DCI) beriet sich Haidara nach den ersten Plünderungen und der Besetzung der Stadt mit den anderen 35 gelehrten Familien, arbeitete einen Rettungsplan aus und stellte ein Team verschwiegener Helfer zusammen.

»Gelehrtentinte ist mehr wert als Blut der Märtyrer«

Jeden Morgen vor Sonnenaufgang, wenn die militanten Gotteskrieger noch schliefen, schlich er sich mit seinen Getreuen in die Bibliotheken und packte die Manuskripte in Metallboxen. Nachts versteckten sie die Kisten in den Häusern der alten Familien, ließen sie später auf Handkarren und Eseln in die Außenbezirke verlegen. Nachdem die Terror-milizen einige Monate später die Mausoleen der Stadtheiligen zerstört hatten, Teil des Weltkulturerbes, war eine Evakuierung unvermeidlich. Haidara und seine Getreuen heuerten Kuriere an und brachten die Manuskripte in einer acht Monate langen Rettungsaktion per Geländefahrzeugen über Land und in Pirogen über den Niger nach Bamako.

Haidara koordinierte die Rettung. Er trieb Geld auf, rund eine Million Euro, um Kuriere zu bezahlen, Gebühren und Schmiergelder für die Kontrollpunkte auf dem Weg nach Bamako. Mitunter war Lösegeld für gekidnappte Helfer und deren wertvolle Fracht fällig. Haidara musste die Unesco überzeugen, nicht mehr über die Gefährdung der Manuskripte zu sprechen, wodurch die Dschihadisten deren Wert erst erfahren hatten.

Die geheime Aktion, die von mehreren Staaten und Stiftungen finanziell unterstützt wurde, war gerade rechtzeitig abgeschlossen. Kurz vor der Befreiung Timbuktus durch eine französische Militärintervention, im Januar 2013, verbrannten die Terrormilizen alle alten Manuskripte, derer sie habhaft werden konnten. Rund 4 000 Handschriften des staatlichen Ahmed-Baba-Instituts fielen den Flammen zum Opfer.

Es war nicht die erste Zerstörung von Büchern in Timbuktu und viele Intellektuelle hatten die Gefahr kommen sehen, darunter der Sprecher ihrer Imame, Ben Essayouty von der alten Djinger-ber-Moschee. Er hatte die Behörden schon lange vorher vergeblich vor der Verbreitung eines radikalen Stein­­zeitislams in neuen Koranschulen gewarnt, der mit Geld aus Saudi-Arabien finanziert werde. Im traditionell säkularen Tim­buktu haben die liberalen islamischen Gelehrten wenig übrig für Extremisten. Timbuktus Tradition reiche in Zeiten zurück, zürnte Ben Essayouty, da sei Saudi-Arabien noch ein Sandloch gewesen.

In der Geschichte der oft umkämpften Stadt musste man die Bibliotheken schon oft vor fremden Kolonisatoren schützen, den Franzosen im 19. und den Marokkanern im 16. Jahrhundert. Letztere hatten nicht nur viele Manuskripte geraubt, sondern auch den Philosophen Ahmed Baba in Ketten gelegt nach Marrakesh verschleppt. Der Gelehrte schrieb damals: »Die Tinte der Gelehrten ist mehr wert als das Blut der Märtyrer.«

Digitales Wissen: Bibliotheken öffnen sich der Welt

Ins Exil mussten die Bibliotheken allerdings noch nie. »Wir konnten durch die Evakuierung etwa 95 Prozent aller Manuskripte in Sicherheit bringen«, schätzt Haidara. Er koordiniert jetzt deren zweite Rettung: Der Verfall im feuchteren Klima Bamakos konnte gestoppt werden, ein neues Archiv mit Werkstätten ist fertig. Dort werden die Werke katalogisiert, restauriert und digitalisiert.

Es ersetzt die Werkstätten in Timbuktu, wo der Erhalt der Manuskripte schon seit den 1970er-Jahren gefördert wird. Wichtige Privatbibliotheken waren vor Ort bereits für die Forschung zugänglich, einige sogar online mit digitalen Werken. Damit ist es erst mal vorbei, auch wenn viele Familien lieber heute als morgen zurückkehren würden. Im Moment ist das zu unsicher, auch die Sicherung der Werke wird noch ein, zwei Jahre dauern.

In absehbarer Zeit sollen die Bibliotheken aber wieder öffnen. Dann, so hoffen die Gelehrten um Abdel Kader Haidara, können auf ihrer Basis viele neue Bücher entstehen. Timbuktu soll wieder zu einem Zentrum des intellektuellen Austausches werden. »Unser Ziel ist es«, so Haidara, »den Reichtum der Bibliotheken mit allen Menschen zu teilen.«

mo, Onyx Ausgabe 1, Oktober 2015