Onyx – Magazin für nachhaltiges Wissen, September Ausgabe 2016, Glyphosat

Alternativen zu Glyphosat

Das weltweit am häufigsten 
eingesetzte Herbizid Glyphosat
steht im Verdacht, Krebs zu erregen. Landwirte 
suchen neue Lösungen

Auf ihren Appetit kann man sich verlassen und obendrein fressen sie alles, was frisch und grün ist. Die bretonischen Zwergschafe, die seit ein paar Monaten in einem Weinberg im rheinhessischen Bechtheim zu Hause sind, vertilgen an die drei Kilogramm Nahrung täglich, bis zu 30 Kilo Gewicht bringen sie auf die Waage. Damit tun die kleinen Landarbeiter genau das, was die Winzer Nicole und Jean-
Raphael Buscher von ihnen erwarten: »Sie halten das Unkraut in unseren Weinbergen klein. Es gibt kaum etwas, das sie nicht fressen«, erklärt Buscher, der zusammen mit seiner Frau ein rund 16 Hektar großes Weingut betreibt.

Neue Wege gehen: das Winzerehepaar 
Nicole und Jean-
Raphael Buscher ist 
sicher, mit einer 
Mischung aus 
Schafeinsatz und 
mechanischer 
Bodenbearbeitung 
ohne Glyphosat 
auszukommen

Neue Wege gehen: das Winzerehepaar 
Nicole und Jean-
Raphael Buscher ist 
sicher, mit einer 
Mischung aus 
Schafeinsatz und 
mechanischer 
Bodenbearbeitung 
ohne Glyphosat 
auszukommen. Fotos: Marcus Kaufhold

Fünf Zwergschäfchen hat das Paar im Januar 2016 angeschafft – testweise. Die Tiere beackern zum Start etwa 2 500 Quadratmeter Rebfläche, ein viertel Hektar. Die aus der Bretagne stammenden Quessant-Schafe gelten als kleinste Schafsrasse Europas. Sie haben ein Stockmaß von nur 45 Zentimetern. Der Größe nach rangieren sie damit in der gleichen Liga wie Hunde à la Cocker Spaniel oder Fox Terrier.

Für die Weinberge sind die Minischafe ideal. Geduckt passen sie unter jeden Rebstock und wandern problemlos von Zeile zu Zeile. Was sie im Feldversuch wirklich schaffen, konnten sie ab April diesen Jahres unter Beweis stellen. Wenn es im Frühjahr wärmer wird, beginnen Gras und Wildpflanzen kräftig zu sprießen. Es ist die Zeit, in der viele Winzer glyphosathaltige Unkrautvernichtungsmittel einsetzen. »Normalerweise genügt es, das Mittel ein- bis zweimal im Jahr zu spritzen«, sagt Raphael Buscher. Aber auch darauf verzichtet der 31-Jährige. Er orientiert sich damit an der Arbeitsweise seiner Kollegen, deren Weine biozertifiziert sind. Diese dürfen laut EU-Verordnung gar keine Herbizide einsetzen. Auf dem Weg zurück zur Natur ist Buscher nicht alleine. Immer mehr Landwirte, nicht nur Winzer, testen nachhaltigere, natürliche Methoden. Auch diejenigen, die nicht komplett auf ökologischen Anbau umstellen können oder wollen.

buscher

Winzerin Nicole Buscher mit Schafen im Weinanbaugebiet

Im Fall von Glyphosat ist der Druck, Alternativen zu finden, enorm gestiegen. Am 29. Juni 2016 hat die EU-Kommission in letzter Minute entschieden, dass der Unkrautvernichter bis Ende 2017 weiter eingesetzt werden darf. Am 30. Juni wäre sonst die Zulassung ausgelaufen. Die Kommission hatte die Genehmigung ursprünglich um 15 Jahre verlängern wollen. Nach Protesten aus dem Europaparlament und einigen Mitgliedstaaten, darunter Deutschland, wurde die Zeitspanne verkürzt – auf neun Jahr, dann auf anderthalb Jahre. 2017 soll die europäische Chemikalienagentur Echa mögliche Risiken von Glyphosat neu bewerten.

Die Kritiker fürchten neben einem höheren Krebsrisiko auch eine Beeinträchtigung des menschlichen Hormonsystems und Fehlbildungen bei Embryonen. Sie weisen außerdem auf die negativen Folgen hin, die die Anwendung von glyphosathaltigen Mitteln auf die Tier- und Pflanzenvielfalt haben kann. Der Ökotoxikologe Prof. Christoph Schäfers hat sich intensiv mit Unkrautvernichtungsmitteln in der Landwirtschaft beschäftigt. Er arbeitet als Bereichsleiter im Fraunhofer Institut für Mikrobiologie im sauerländischen Schmallenberg. »Das Problem ist, dass generell sehr hohe Mengen Glyphosat verwendet werden«, sagt er. »Das liegt unter anderem daran, dass der Einsatz kostengünstig und trotzdem hochwirksam ist.«

Glyphosat setzen nicht nur Landwirte ein, auch viele
Städte und Gemeinden versprühen es in Parkanlagen

In den letzten rund 15 Jahren ist der Absatz an glyphosathaltigen Pflanzenschutzmitteln in Deutschland gewachsen. Allein zwischen 2004 und 2014 stieg er laut Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit von 4 008 auf 5 330 Tonnen jährlich. Auf Äckern und Feldern landet das mit Abstand meiste Glyphosat. Die Spritzmittel kommen aber nicht nur in der Landwirtschaft zum Einsatz. Sie werden auch verwendet, um zum Beispiel den Wildpflanzenwuchs auf Bahngleisen zu bekämpfen. Privatleute können nach Belieben in ihrem Garten Glyphosat spritzen. Viele Städte und Gemeinden setzen es bei der Pflege von Grünanlagen ein.

Zumindest letzteres will die EU-Kommission eindämmen. Auf Spielplätzen und in Parks soll der Wirkstoff seit Juli diesen Jahres nur noch ausnahmsweise erlaubt sein. Außerdem soll strenger geprüft werden, in welchen Fällen es nötig ist, dass Landwirte Glyphosat noch kurz vor der Ernte auf ihre Felder sprühen. »Einige tun das, um zum Beispiel das Abmähen des Getreides zu erleichtern«, erklärt Prof. Schäfers. Weitaus üblicher ist aber die Verwendung kurz vor der Aussaat. Das erspart das Pflügen auf dem Acker, das aufwendig und teuer ist. Den Bauern zu unterstellen, sie würden an der falschen Stelle sparen, greift aber zu kurz. Denn intensive mechanische Bodenbearbeitung hat auch Nachteile. In Hanglagen kann sie dazu führen, dass die Erde regelrecht weggewaschen wird. Etwa 50 Prozent der Ackerflächen in Deutschland gelten als erosionsgefährdet. Das Bundesbodenschutzgesetz, in Kraft getreten 1999, hat für die Landwirte strikte Regeln aufgestellt, wie reduzierte Bodenbearbeitung in bestimmten, gefährdeten Lagen.

Was aber kommt auf die Äcker, falls die Zulassung von Glyphosat tatsächlich 2017 endet? Mit dieser Frage hat sich das Julius-Kühn-Institut, Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen, beschäftigt. Fazit der Studie: Es gibt keine »wirkungsäquivalenten Herbizide«. Keine andere zugelassene Chemikalie ist so effizient wie Glyphosat. Die Forscher betonen außerdem, viele andere Unkrautvernichtungsmittel seien ökotoxikologisch weit ungünstiger.

Prof. Schäfers vom Fraunhofer Institut stimmt dem zu: »Es gibt schlichtweg keine chemische Alternative.« Auch die Totalherbizide, die bis in die 70er-Jahre üblich waren,  sind riskanter – und inzwischen verboten: »Diese Stoffe wirken über die Wurzel der Pflanze und nicht, wie Glyphosat, über die Blätter. Sie müssen also im Boden versickern und landen in größerer Menge im Grundwasser.«
Kommt Glyphosat vom Markt, müssen die Bauern ihre Böden anders beackern – im wahrsten Sinne des Wortes. Die mechanische Bodenbearbeitung wird zwangsläufig wichtiger. Es muss mehr gepflügt, gegrubbert und gemulcht werden. Auch eine geschickte Sortenwahl und Fruchtfolge können helfen. Das betont die Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft (DLG), hinter der die Agrar- und Ernährungsindustrie steht, in ihrem Fachblatt. Darin fordert sie von den Bauern: »Mehr guten Ackerbau, bitte!«


Quessant-Schafe sind gefräßig, aber sie 
lieben auch die reifen Trauben…

Quessant-Schafe sind gefräßig, aber sie 
lieben auch die reifen Trauben…

Die Hersteller von Landmaschinen freuen sich. Und sie werben mit verbesserten Gerätschaften, zum Beispiel im Weinbau. Für die Unterstockbearbeitung gibt es Rollhacken – an sich nichts Neues. Sie bestehen im wesentlichen aus großen Scheiben, die ein bisschen wie Wurfsterne aussehen. Zwei Scheiben auf jeder Traktorseite, ein optimierter Neigungswinkel und ähnliches sollen große Erdbewegungen bzw. Schollenbildung vermeiden und die Effizienz steigern.

Mit Rollhacken arbeiten auch viele Bio-Winzer. Deren Ziel ist allerdings nicht, die Böden von wildwachsenden Pflanzen zu befreien. »Es genügt völlig, die Unkräuter zu entfernen, die den Reben viele Nährstoffe oder Licht wegnehmen«, erklärt Dr. Friedhelm von Mering vom Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft. Auch im Weingut Buscher gibt es deutlich mehr Wildwuchs zwischen den Rebstöcken als noch vor ein paar Jahren. Auch auf der Teststrecke, die die Zwergschafe beackern. Anfang Mai mussten die Tiere für ein paar Wochen komplett raus aus ihrem umzäunten Weinberg: Die jungen Rebtriebe haben ihnen hervorragend geschmeckt. Auch Mitte August bekamen sie einen Platzverweis. Das ist die Zeit, in der auch Trauben für Schäfchen hochinteressant werden…

emk, Onyx, Ausgabe September 2016