Lösungen gegen Verwüstung

Im Kampf gegen die Verwüstung gibt es immer mehr erfolgreiche Lösungen. Eines der weltweit größten Projekte findet derzeit auf der arabischen Halbinsel statt. Deutsche Landschaftsarchitekten begrünen die Wüste und sind dabei, den arabischen Gartenbau neu zu erfinden.

Jens Bödeker genießt das satte Grün, die erste Rosenblüte kündigt sich an. Er sitzt unter einer großen alten Kastanie und lässt den Blick über seinen Garten auf dem Rietzer Berg schweifen. »Das ist immer wieder eine Wohltat für mich nach dem sandigen Gelb der Wüste«, sagt der 47-Jährige. Er ist gerade aus Saudi-Arabien in seinen zwölf Hektar großen Landschaftsgarten zurückgekehrt. Und freut sich schon, endlich wieder mal im eigenen Garten arbeiten zu können. Er kommt viel zu selten dazu.

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Landschaftsarchitekt Jens Bödeker, Foto: d-a-g

Der gebürtige Rheinländer führt mit acht Partnern eines der weltweit renommiertesten Büros für Landschaftsarchitektur. Im Moment hat der Diplomingenieur neben 50 anderen Projekten damit zu tun, die Wüste wieder zu begrünen. Nicht ein kleines Areal, sondern ein Gebiet, das so groß wie Deutschland ist. Im Auftrag der saudischen Entwicklungsbehörde von Riad Region (ADA) erstellt er dazu mit Partnern wie dem australischen »Kings Park Perth« eine wissenschaftliche Studie und eine Strategie.

Es ist das größte derartige Projekt im Mittleren Osten zur Begrünung der Wüste. Dabei greifen die siebzig Mitarbeiter von Bödeker & Partner auf eine lange praktische Erfahrung zurück. »Als mein Vater 1973 die Landschaftsgestaltung des diplomatischen Quartiers in Riad übernahm, war das Areal eine Mondlandschaft«, erzählt er. Kamele, Schafe und Ziegen hatten alles kahlgefressen, alle Pflanzen samt deren Samen.

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Diplomatenviertel in Riad: Das 900 Hektar große Gelände mit 

20 öffentlichen Parks 
wurde von den Landschaftsarchitekten 
Richard Bödeker und David Elsworth 
gestaltet. 
Die Architektur/ 
Stadtplanung stammt von Albert Speer jr., Fotos: Bödeker

»Er zäunte das 900 Hektar große Gebiet erst mal ein, und nach dem ersten Regen im Winter blühte es dort wieder, die Natur meldete sich von selber zurück.« Sie sammelten die kostbaren Samen und bauten zuerst einmal eine Baumschule, in der bis heute heimische Wüstenpflanzen gezogen werden; dazu importierte Sorten, die sich im Laufe der Jahre als wüstentauglich bewährten.

»Wir haben viele Bäume, Sträucher und Gräser beheimatet, die eigentlich aus Ägypten und Jordanien, aus Australien, Thailand oder Spanien stammen«, so Bödeker. Die werden nun von Gärtnern in Riad gezogen, was angesichts des Klimas fünf- bis zehnmal schneller geht als in Deutschland. Auch eine wissenschaftliche Dokumentation bewährter Wüstenpflanzen für den jeweiligen Standort wurde im Auftrag der Regierung erstellt und wird seitdem von allen anderen Planern geschätzt.

Bei einigen der neu importierten Pflanzen gab es zwar anfängliche Skepsis zu überwinden, wie etwa beim Ficus religiosa. »Der wächst an manchen Standorten sehr gut, wenn er durch Rasenflächen Verdunstungskühle bekommt, aber die Saudis wollten ihn nicht«, sagt Bödeker. Der Ficus religiosa gilt als heiliger Baum der Buddhisten und es bedurfte einiger Überzeugungsarbeit, bis er doch noch akzeptiert wurde. Auch dank solcher Importe breiten sich nun die Oasen in Riad und vielen anderen Landesteilen wieder aus.

Strategie für Wüstenstädte: Das Abwasser eines Menschen ernährt sechs Bäume

Wadi Hanifa: Der etwa 60 Kilometer lange 
Fluss besteht aus dem Abwasser der Großstadt Riad

Wadi Hanifa: Der etwa 60 Kilometer lange 
Fluss besteht aus dem Abwasser der Großstadt Riad

Das diplomatische Quartier war dabei so etwas wie die Blaupause für die Begrünung von Wüstenstädten. In dem sehr trockenen Klima auf der arabischen Halbinsel – im Sommer kann es schon mal an die 50 Grad heiß werden, im Winter gibt es nachts Bodenfrost – ist Wasser knapp und kostbar. Es wird aus Entsalzungsanlagen am Persischen Golf über Hunderte Kilometer in die Stadt gepumpt. Die geklärten Abwässer haben Flüsse gebildet, die wie im Wadi Hanifa 60 Kilometer in die Wüste reichen und dort versickern.

Zur Bewässerung der Bäume und Sträucher durfte das Abwasser aber bis in die 1970er-Jahre nicht verwendet werden. Aus religiösen Gründen, da es als unrein gilt. Dabei reiche das Abwasser einer Person aus, um sechs Bäume wachsen zu lassen, machte Jens‘ Vater Richard (82) den Scheichs klar. Seine kantige, undiplomatische Art kam gut an, und er fand im damaligen Präsident der Entwicklungsbehörde (ADA), Dr. Mohammed Al-Sheikh einen Verbündeten, der die anderen Regierungsmitglieder überzeugte.

Heute macht die junge Metropole Riad, die in 60 Jahren von gut 100 000 auf über fünf Millionen Einwohner gewachsen ist, ihrem Namen (»Stadt der Gärten«) alle Ehre. Viele der öffentlichen und privaten Landschaftsgärten sowie einige Nationalparks im Land tragen die Handschrift der Bödekers. Ihre moderne Interpretation des arabischen Gartens erhielt weltweit zahlreiche Preise, darunter den Aga Khan Award.

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Zentraler Park im historischen Zentrum Riads

Sie prägten einen Gartenstil, der die florale Schönheit von Palmen, Agaven und Bougainvilleen mit Wegen, Terrassen oder Nischen aus den ohnehin vorhandenen Kalksteinen natürlich verbindet. Die werden nach Aushubarbeiten gleich wieder verwendet. Es ist ein minimalistischer, urwüchsiger Stil, der auch die verzweigte Königsfamilie begeisterte.

Gärten stellen im Islam der alten Beduinenkultur ohnehin das Sinnbild des Paradieses dar. Die Regierung tat viel dafür, um die Oasen in der Wüste auszubauen. Bei dem aktuellen Großprojekt, der Wiederbegrünung einer ganzen Region, kann Jens Bödeker denn auch auf einigen der bisher gefundenen Lösungen aufbauen. Das Team macht geeignete Gebiete ausfindig, auf denen die Begrünung möglich ist. Sie klären wirtschaftliche und politische Fragen. Und nutzen den rund 170 Quadratkilometer großen Thumamah Nationalpark im Norden des Landes als Testgebiet.

Mehr Grün durch »desert landscaping«, in einem Gebiet so groß wie Deutschland

Bei den Versuchsreihen in der Wüste ließen Bödeker und Kings Park nicht nur Pflanzenarten testen. Sie wollten insbesondere herausfinden, auf welche Art, wie lange und in welchen Zyklen sie bewässert werden müssen, damit ihre bis zu 60 Meter langen Wurzeln von selber Wasser im Boden finden. »Unser Ziel ist es, Pflanzen zu etablieren, die bestenfalls auch ohne Bewässerung überleben können.« Alles andere wäre im großen Maßstab auch unpraktikabel und zu teuer.

Eine Samenbank mit geeigneten Bäumen und Sträuchern für unterschiedliche Standorte befindet sich derzeit im Aufbau. Sie ist aber nur ein Teil der Lösung. »Die Begrünung funktioniert nur, wenn sie auch von den Bewohnern der jeweiligen Region unterstützt wird«, weiß Bödeker aus Erfahrung. Sie dürfen keine Bäume mehr fällen, um daraus Feuerholz oder Kohle zu machen. Es braucht ein Weidemanagement, damit Kamele und Schafe nicht gleich wieder alles kahlfressen. Ziel ist, eine nachhaltige Landwirtschaft im Einklang mit der sie umgebenden Natur zu entwickeln. Dann kann es klappen.

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Blühende Landschaften nahe der historischen Mauer von Diriyyah. Die historischen Bauten und Paläste der alten saudischen Hauptstadt – bis zur Zerstörung durch die Türken im Jahr 1818 – zählen zum Weltkulturerbe

In dem ausgewiesenen Gebiet gebe es gebirgige Regionen, ausgetrocknete Flusstäler (Wadis), die nach Regenfällen im Winter zu reißenden Strömen werden können. Und viele andere Standorte, an denen sich die Begrünung machen lässt und neue Oasen entstehen könnten.

Es ist eine große Idee und Jens Bödeker ist optimistisch. Er weiß, welche Kraft Ideen entfalten können, wenn man etwa an die Erfolge von »greening australia« denkt, wo seit den 1980er-Jahren im großen Stil Bäume gepflanzt wurden, um Wasserprobleme, Erosion und Versalzung der Böden zu stoppen. Auch in anderen Wüstenregionen findet inzwischen ein Umdenken statt. In der Sahelzone etwa gibt es viele kleinere, funktionierende Initiativen gegen die Verwüstung. Und dann sind da noch die großen, symbolischen Projekte wie etwa die Pflanzung einer Mauer aus Bäumen, der sogenannte »great green wall« – vom Senegal im Westen bis nach Äthiopien im Osten der Sahara. Ob das klappt, könnte zweifelhaft sein. Die eigentlichen Lösungen liegen eher vor Ort, etwa beim Weidemanagement.

Das gilt auch für Saudi-Arabien, wo die Wüste abwechslungsreicher und an vielen Stellen grüner ist, als viele in Europa denken. Jens Bödeker etwa fährt des öfteren in die Akazien-Wadis und Flusstäler in gebirgigen Regionen, wo sich nach dem Regen Wasserfälle bilden. In die Nationalparks und Erholungsgebiete, wo Saudis nach dem Regen die blühende Wüste bestaunen. »Sie haben ein grünes Herz und als Gärtner ist man höher angesehen als in Deutschland, wo es ja von alleine grün wird«, so Bödeker. Trotzdem zieht es ihn nach einigen Wochen regelmäßig zurück zum Rietzer Berg, zwischen Brandenburg an der Havel und Potsdam gelegen – was die Hoheiten im Königreich immer sehr betrübt.

»Ich muss mich aber schließlich auch um meinen eigenen Garten kümmern«, sagt er dann immer. Um Mohn, Goldregen und Feuer-Ahorn, die rund um sein Haus wachsen, um Eichen, Robinien und Kiefern. Während er in Saudi-Arabien ist, kümmern sich zwei Gärtner um den öffentlich zugänglichen Landschaftspark (rietzerberg.de), die Arbeiten koordiniert Bödeker dann per Whatsapp. Jetzt aber schlendert er einen bewachsenen Hügel hinunter – »sandiger Untergrund wie in der Wüste« –, vorbei an einem imposanten Gras-Labyrinth. Die arabischen Gärten hätten ihn schon geprägt, sagt er, die Landschaftsarchitektur in der Wüste. Sein Vorbild aber sei nach wie vor die englische Gartenkultur. »Sie begreift die Natur nicht als Feind, sondern liebt deren kreative Kraft.« Jens Bödeker, der in Berlin studiert hat, lässt seine Pflanzen nach anfänglicher Pflege gerne geordnet verwildern. Zu tun gibt es trotzdem genug. »Denn das ist gerade das Schöne am Garten, dass er nie fertig wird.«

ps, erstellt am 24.05.2016