Der Wunderheiler aus Warngau

Mit einem neuen Produktionsverfahren verarbeitet Dr. Werner Brand 
Heilkräuter und -pilze endlich so, dass sie auch im menschlichen Körper 
ankommen. Er könnte damit die Welt der Phytopharmaka revolutionieren

Werner Brand geht nicht, wie andere Leute gehen. Sein Gang gleicht eher einem federnden Marschieren. Sportliche Ledersneakers, stahlblaues Hemd und ein schnurgerader Blick aus nicht minder blauen Augen – der 47-Jährige sprüht vor Energie. Ob das auch an der Flüssigkeit liegt, die er sich in den Wintermonaten dreimal täglich in den Mund sprayt? »Seit ich unseren Spray benutze, fühle ich mich subjektiv besser«, sagt der Start-up-Unternehmer voller Über
zeugung.

Nun ist, für einen überzeugten Naturwissenschaftler wie Brand, das subjektive Empfinden vermutlich nicht der entscheidende Parameter, nach dem er seine Handlungen ausrichtet. 
Dennoch: Das »Aktivspray«, wie er es nennt, und die ihm zugrundeliegende revolutionäre Technologie könnte das Leben des promovierten Luft- und Raumfahrt-Physikers in mehrfacher 
Hinsicht auf eine neue Umlaufbahn katapultieren. »Mit unserem Herstellverfahren AP-Tech haben wir eine Plattformtechnologie entwickelt, die eine neue Dimension in der Wirksamkeit 
von Heilpflanzen und Heilpilzen ermöglicht«, sagt Brand. Nichts weniger als das.

Im Vertrauen auf das Potenzial dieses neuen Herstellungsverfahrens hat Brand soeben großes hölzernes Passivhaus als Forschungs- und Produktionsstätte im oberbayerischen Warngau aus dem Boden stampfen lassen und ein knappes Dutzend promovierter Biologen, Chemiker, Immunologen und Biochemiker angestellt. Schon bald werden es deutlich mehr sein. In den nächsten Monaten sollen hier die ersten großen Mengen an Aktivsprays hergestellt und ab September unter dem Namen Apuxan als neue Generation von Nahrungsergänzungsmitteln in deutsche Apotheken gebracht werden. Das bayerische Wirtschaftsministerium fördert Brands ambitioniertes Bio-Tech-Start-up namens »Apurano« mit einem siebenstelligen Betrag. Auch private Investoren sind mit an Bord. Die erste, höchst kostenintensive Entwicklungsetappe allerdings hat Brand, der zuvor in der Privatwirtschaft eine Turbo-Karriere absolvierte, aus eigener Finanzkraft gestemmt.

Und das alles für ein Nahrungsergänzungsmittel – genauer gesagt, für einen Pilz namens Agaricus blazei Murill, dem heilsame Kraft nachgesagt wird. Das klingt verwegen, aber für einen Tatsachenmenschen wie Brand könnte die Sache schlüssiger nicht sein. »Heilpilze«, sagt er, »gehören zu den ältesten Naturarzneien der Menschheit.« Schon vor mehr als 4000 Jahren seien sie in der fernöstlichen Volksmedizin wegen ihrer gesundheitsfördernden Eigenschaften verehrt worden. Der Agaricus blazei Murill, vulgo: Mandelpilz, dessen Heilkraft Apurano nun auf innovative Weise in sein Aktivspray schleust, soll sich segensreich auf das Immunsystem auswirken und bei wiederkehrenden Infekten, chronischer Erschöpfung oder Allergien helfen. Manche Mykotherapeuten – so nennen sich die Heilpilz-Behandler – sprechen ihm sogar eine antikanzerogene Wirkung zu.

Seine wohltuende Wirkung verdankt der Mandelpilz vor allem den sogenannten Beta-Glucanen. Das sind Polysaccharide, Mehrfachzucker, die sich aus einzelnen Glukoseeinheiten zusammensetzen und auf unterschiedliche Weise miteinander verknüpft sein können. Beta-Glucane werden über spezielle Rezeptoren von den Fresszellen des Immunsystems erkannt und aufgenommen. Die Zellen sind in der Lage, die Beta-Glucane zu zerkleinern und die Bestandteile auf ihrer Oberfläche zu präsentieren. Dadurch aktivieren die Fresszellen die Bildung von weiteren Zellen für die Immunabwehr im lymphatischen Gewebe, die dann im Blut- und Lyphmsystem den Körper vor neuen Erregern schützen können.

Je kleiner die Beta-Glucane sind, umso besser werden sie von den Fresszellen aufgenommen. Auch das Angebot an Partikeln spielt eine Rolle. Weil die Rezeptoren der Fresszellen besonders gut auf die spezifischen Beta-Glucan-Verbindungen der Heilpilze ansprechen, gelten diese als so wirksam. Bislang allerdings vor allem unter Laborbedingungen. Bei in-vitro-Versuchen erzielten die Medizinpilze gute bis sehr gute Ergebnisse. In vivo aber nicht, weil das in Kapseln gepresste Pulver vom Körper kaum verwertet werden kann. »Der Nachteil der Beta-Glucane ist, dass sie schwer wasserlöslich sind und damit vom menschlichen Körper schwer aufgenommen werden können«, sagt Brand.

Ein Problem, das viele Phytoarzneimittel und Nahrungsergänzungsmittel betrifft. Über die Zellen der Darmzotten können Partikel mit einer Größe bis maximal zehn Mikrometer (0,01 Millimeter) aufgenommen werden; mit wachsender Größe sinkt die Resorptionsrate.

Konventionelle Beta-Glucan und Mandelpilzprodukte lägen zu 90 Prozent mit einer Partikelgröße von mehr als zehn Mikrometer im Dünndarm vor. Nur zehn Prozent dieser Produkte könnten deshalb aufgenommen werden, erklärt Brand und fügt süffisant hinzu: »Das bringt nicht viel, es macht nur den Stuhlgang teuer.«

Etwa drei Jahre tüftelte der Ingenieur nun an einem Verfahren, um die schwer wasserlöslichen Stoffe in winzigste Partikelchen zu zerlegen, ohne dass diese – was der übliche Effekt einer extremen Zerkleinerung ist – aufgrund der Oberflächenladung zusammenkleben. Dies gelingt durch ein spezielles Engineering, das Brand streng geheim hält. Mikrokugeln in einem Nassmahlwerk zerkleinern die Pilzpartikel bis in den Nanobereich auf eine Größe von maximal 400 Nanometer – das ist weltweit unerreicht. Um sich nicht anzuziehen, werden die Mikroteilchen von einem polymolekularen, biologischen Stoff ummantelt, der sich in der Mundschleimhaut sofort verflüchtigt, damit die Wirkstoffe dort unmittelbar resorbiert werden können.

2014 initiierten Brand und sein Forscherteam in Zusammenarbeit mit der Münchner Uniklinik rechts der Isar eine randomisierte, doppelt-blinde Studie. 104 Probanden wurde 16 Wochen lang Apuxan oder ein Placebo verabreicht. Alle Teilnehmer hatten zuvor eine erhöhte Infektneigung mit mehr als drei Erkältungen in den letzten zwölf Monaten aufgewiesen.

Es zeigte sich, dass das Immunsystem der Probanden, die das Pilzpräparat angewandt hatten, besser stimuliert war als jenes der Placebo-Anwender. Bei einer beginnenden Erkältung war bei der ersten Gruppe die Zahl der abwehrenden und regulatorischen T-Killerzellen stärker gestiegen als bei der Placebo-Gruppe. »Für uns war diese Studie ein Meilenstein«, sagt Brand. Und der Grundstein zu dem Gebäude, in dem er jetzt steht. Nur drei Monate nach dem Studienergebnis erfolgte hier der erste Spatenstich. Dann ging es Schlag auf Schlag, Brand-eilig, wenn man so will, weil jemand, der wie Brand über Optimierung der Stromabnehmer bei Hochgeschwindigkeitszügen promoviert hat, den Verlust von Zeit wohl mehr fürchtet als den von Geld.

»Mich hat von jeher fasziniert, Lösungen für Probleme zu finden«, sagt Brand, während er die Tür zu den künftigen Produktionsräumen öffnet. Noch ist hier alles Baustelle. Zwischen großen Kartonagen stehen nagelneue Maschinen, die allerdings erst einmal in alle Bestandteile zerlegt werden müssen, bevor sie in Betrieb gehen können. »Weil unser Produkt streng biologisch ist und wir ohne chemische Konservierungsstoffe auskommen wollen, müssen die Produktionsräume den höchsten Reinheitsgrad erfüllen.« Reinraum nennt sich das. Jede Maschine, die irgendwann in diesem Raum landet, wird zuvor bis auf das kleinste Schräublein in alle Einzelteile zerlegt, diese werden gesäubert, in Alkohol eingelegt und sodann in dem Reinraum von Monteuren in Schutzanzügen und unter strengsten Hygienekonditionen wieder zusammengesetzt. Gemeinhin leisten sich nur Pharmariesen bei der Herstellung von Arzneien einen so hohen Reinheitsgrad. Brand: »Wir sind eine der wenigen der Branche, die so einen Aufwand bei Phytopharmaka betreiben.«

Schon mit Blick auf die Zukunft. Langfristig will Apurano auch Arzneien auf den Markt bringen. Auch die Nano-Aufbereitung weiterer Heilpilze und -pflanzen ist geplant. »Was wir wollen, sind evidenzbasierte Phytopharmaka«, erklärt Brand. Da passt es gut, dass jeder Mitarbeiter seine ganz persönliche Empirie zu dem ehrgeizigen Projekt beiträgt. »Alle Mitarbeiter benutzen das Aktivspray in der kalten Jahreszeit«, berichtet Brand. Das wirke sich positiv auf den Krankenstand aus: »Wir haben kaum Ausfälle.« Subjektive Evidenz zählt manchmal eben auch.

ba, Onyx Ausgabe Mai 2016