Cousteau: »Wir sind alle Wasser«

Jean-Michel Cousteau über die Verschmutzung der Ozeane

Foto: picture alliance

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Jean-Michel Cousteau (77) führt das Erbe seines legendären Vaters Jacques Cousteau fort. Er ist auf dessen 
Forschungsschiff »Calypso« groß 
geworden, taucht, seit er sieben Jahre 
alt ist, und kämpft mit seiner 
gemeinnützigen »Ocean Futures 
Society« für den Schutz der Weltmeere

Herr Cousteau, als Forscher 
und Filmemacher kennt 
kaum jemand die Unterwasserwelt besser als Sie. »Schützt den Ozean und ihr schützt euch selbst«, lautet das Motto Ihrer 
Arbeit. Warum sind die 
Weltmeere so bedeutsam?


Wer ein Glas Wasser trinkt, trinkt den Ozean, wer Skifahren geht, fährt auf den Ozeanen Ski. Alles Wasser endet letztlich in den Ozeanen und kommt von dort, verdunstet, bildet Wolken, erzeugt Regen und Schnee. Es ist ein einziger Wasserkreislauf und wir sind aus diesem Wasser gemacht. Wir leben auf einem Wasserplaneten, der zu 70 Prozent aus dem Ozean besteht. Wir sind alle aus Wasser, wir brauchen sauberes Wasser, um zu überleben.

Wie steht es aus Ihrer Sicht um 
den Zustand der Meere und das maritime Leben?


Die Verschmutzung der Meere, die Menge an Chemikalien und Schwermetallen, die in den Ozeanen enden und die komplette Nahrungskette infizieren, sind ein großes Problem. Hinzu kommt der beschleunigte Klimawandel durch die Emissionen an Kohlendioxid, von denen die Meere große Mengen aufnehmen. Das führt zu einer Versauerung der Meere und Gefährdung vieler Arten. Als dritte große Herausforderung sehe ich die ständig wachsende Weltbevölkerung. Der Druck auf die Ressourcen steigt, die Fischindustrie nimmt mehr aus den Ozeanen, als das Ökosystem produziert. Wirtschaftlich gesehen essen wir heute Teile unseres 
Kapitals auf und jeder weiß, dass dies im Bankrott enden wird.

Welche Lösungen sehen Sie?

Der Mensch ist die einzige Spezies mit dem immensen Privileg, selber entscheiden zu können, ob wir verschwinden wollen oder nicht. Zu tun, was getan werden muss, um in die Augen unserer Enkel sehen zu können und zu sagen, ihr werdet ein gutes Leben haben.

Nehmen Sie die Überfischung der Weltmeere. Wir sollten es wie unsere Urahnen, die früheren Jäger und Sammler machen. Als es nichts mehr zu jagen gab, wurden wir Bauern, betrieben Ackerbau und Viehzucht. Das funktioniert auch mit maritimen Lebewesen. Farmen und Aquakulturen sollten weg von den Ozeanen entstehen, dort, wo die Nachfrage ist. Wir haben dann frischen Fisch, der günstiger ist, weil es weniger Zeit kostet, ihn zu fangen, einzufrieren und über weite Strecken zu transportieren. Wir können guten Fisch essen und helfen zugleich der Umwelt.

Der größte Teil der Abfälle in den Meeren kommt vom Land …

Leider gibt es die 
unselige Haltung vieler, Dinge zu kaufen und danach einfach wegzuwerfen. Der Müll landet dann etwa in Bächen oder Flüssen und wird in die Ozeane geschwemmt. Das Ausmaß des Problems ist mir erstmals vor über zehn Jahren klar geworden, als ich im Rahmen eines Filmprojekts die Nordwestlichen Hawaii-
Inseln in der Mitte des Nordpazifiks besuchte – etwa 3 000 bis 5 000 Kilometer von Amerika und Japan entfernt. Die Strände waren übersät mit Plastikabfällen – Feuerzeugen, Mascarastiften, Zahnbürsten, Plastikdosen, Golfbällen und sogar Fernsehern.

»Wir fanden auf den Inseln Tausende toter Vögel«

Die fünf größten Müllstrudel der Weltmeere

Die fünf größten Müllstrudel der Weltmeere

Darunter waren etwa Albatrosse, die von der südlichen zur nördlichen Hemisphäre fliegen, um ihre Eier immer ins selbe Nest zu legen und ihre Jungen aufzuziehen. Dabei verwechseln sie Plastik mit Nahrung, im Magen der toten Tiere fand ich damals acht bis zwölf Plastikteile. Ich habe dann nachgesehen, wer das ganze Plastik hergestellt hatte, und zählte 52 unterschiedliche Länder. Der ganze Abfall trieb vorher in den Strömungen des Pazifiks und das ist in vielen anderen Teilen der Weltmeere so.

Wir schützen nur, was wir lieben, lautet Ihr Credo als Filmemacher und Umweltschützer. Ihre 
damals gedrehte Dokumentation 
»Reise nach Kure« überzeugte 
sogar den US-Präsidenten, die 
Inseln, Atolle und Korallenriffe mit 
einem Federstrich unter strengen 
Naturschutz zu stellen.

Es gibt Wege und Möglichkeiten, Entscheider zu überzeugen, indem man ihre Herzen erreicht und nicht mit dem Finger auf sie zeigt und sie anklagt. Damals konnte ich das Problem dem Präsidenten George W. Bush vortragen, der mich eingeladen hatte, unseren Film vorzuführen. Er entschied dann, das Gebiet der Nordwestlichen Hawaii-Inseln, das größer ist als das Great Barrier Reef in Australien, zum strengen Meeresschutzgebiet zu machen.

Was halten Sie von den Plänen der Initiative »The Ocean Cleanup«, den Müll in den Meeresstrudeln aufzufangen und dann an Land zu recyceln?

Es ist für eine gewisse Zeit notwendig, um all das Zeug wieder aus den Ozeanen rauszuholen. Aber keine Lösung des Müllproblems an sich. Schon heute wird ein großer Teil des Plastikmülls von Freiwilligen an den Stränden aufgesammelt und später verbrannt, um aus dem Abfall wieder Energie zu gewinnen. Das ist alles bei weitem nicht perfekt. Was wir daher eigentlich machen müssen, ist aufzuhören, die Ozeane als globale Müllkippe zu missbrauchen.

»Plastik wirkt im Meer wie ein Schwamm, der Chemikalien aufsaugt«

Ein Problem vieler Kunststoffe ist, dass sie über die Jahrhunderte 
lediglich in immer kleinere Teile zerfallen. Sollte man Plastik, das nicht biologisch abbaubar ist, 
verbieten?

Auch biologisch abbaubares Plastik wirkt im Meer wie ein Schwamm, der die im Wasser befindlichen Chemikalien und Schwermetalle aufsaugt. Die reichern sich in den kleinen Plastikteilchen an und gelangen letztlich wieder in unsere Nahrungskette. Über die Fische, die wir fangen, landet all das auf unseren Tellern. Wir müssen verhindern, dass Abfälle oder Chemikalien überhaupt in die 
Ozeane gelangen. Dazu brauchen wir neue Technologien, eine neue Industrie und könnten so weltweit Millionen neuer Jobs schaffen.

Sie haben zuletzt mit anderen 
Umweltaktivisten erfolgreich für ein Verbot von kostenlosen 
Einweg-Plastiktüten in Kalifornien gekämpft. Viele andere Länder gehen einen ähnlichen Weg.Wenn Tüten Geld kosten, wirft man sie nicht so schnell weg?
Es kommt darauf an, Plastik als Material angemessen zu nutzen und wieder zu recyceln. Wir müssen die Leute dahin-
gehend bilden und die Einsicht befördern, dass man durch das Wegwerfen von Dingen Geld wegwirft. Man kann Plastik recyceln, das spart Geld und schafft neue Jobs. Jeder von uns kann gegen die Vermüllung der Meere etwas tun und den Unterschied ausmachen, indem er einfach aufhört, Dinge wegzuwerfen.

Was macht Ihnen angesichts 
der vielen Gefährdungen der 
Ozeane Hoffnung?


Ich arbeite viel mit Kindern und Jugendlichen, wir haben bei unserer »Ocean Futures Society« dafür eigene Bildungsprogramme. Die jungen Menschen sind die zukünftigen Entscheider, die viel bessere Entscheidungen treffen werden, als wir es gemacht haben. Sie sind die besten Botschafter, die wir haben. Sie gehen nach Hause und können ihre Familien lehren, ihre Nachbarn und Freunde. Kinder verstehen, dass wir mit dem Schutz der 
Ozeane uns selber beschützen.

Jean-Michel Cousteau wurde 1938 in Frankreich als erster Sohn des 
französischen Ozeanforschers Jacques-Yves Cousteau geboren. Er lernte mit sieben Jahren Tauchen und verbrachte einen großen Teil seiner Kindheit auf den Forschungsschiffen des Vaters, der »Calypso« und »Alcyone«. Cousteau führt dessen Arbeit fort und gründete 1999 die »Ocean Futures 
Society«, für die auch seine beiden 
Kinder Fabien und Céline arbeiten. 
Die gemeinnützige Meeresschutzorganisation Ocean Futures 
Society in 
Santa Barbara an der amerikanischen 
Westküste fungiert als »Stimme für 
den Ozean«. Cousteau setzt sich 
politisch für den Schutz der Meere ein, 
stellt Materialien für Schulen zur 
Verfügung und bildet Jugendliche zu »Ambassador´s of the Environment« aus. In über 80 Filmen – so die Doku
reihe »Ocean Adventures«, »Reise nach Kure« oder »Haie 3D« – zeigt er die Faszination der Unterwasserwelt. Seine Arbeit wurde u.a. mit einen Emmy und dem Peabody-Preis ausgezeichnet.

mo, Onyx Ausgabe 1, September 2015