»Ein Glücksfall von Massentierhaltung«

Prof. Werner Kloas über die Bedeutung von Fisch für die Welternährung und die ökologischen Vorteile von Aquaponik gegenüber konventioneller Fischzucht

Fisch sucht Forscher Prof. Werner Kloas leitet am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in Berlin die Abteilung für Ökophysiologie und Aquakultur

Ihr Institut hat eine kombinierte Fisch-Tomatenproduktion entwickelt und Sie behaupten, dass diese Erfindung für die gesamte Welternährung hochrelevant werden könnte. Ist das nicht ein bisschen hoch gegriffen?

In Deutschland haben wir bei Fangfisch gegenwärtig einen Eigenversorgungsanteil von etwa 20 Prozent, nur rund drei Prozent kommen aus heimischer Aquakultur – der Rest wird importiert. Die Welternährungsorganisation FAO geht davon aus, dass sich die Fangmengen aus dem Meer kaum noch steigern lassen, die Industriefischerei geht schon heute auf Kosten armer Länder und die Weltbevölkerung wächst.
Den politischen Willen vorausgesetzt, könnten wir den Fischbedarf in Deutschland selbst decken. Wenn wir das dann noch in Kombination mit Gemüseproduktion machen – also Aquaponik –, würden wir weitere Lebensmittel selbst erzeugen und zugleich die in der Tierzucht auftretenden klimaschädlichen CO2-Belastungen sowie Stickstoff- und Phosphat-Emissionen senken. Auch hier sind die Umweltbelastungen von Aquakultur-Kreislaufanlagen deutlich geringer als bei Hühner-, Schweine- und Rindermastanlagen, die mit hohen Gülleeinträgen und extrem hohen Stickstoffbelastungen für unsere Ökosysteme einhergehen.

Aber Fisch ist nicht gleich Fleisch – und wer gerne Scholle oder Hering isst, wird sich nicht mit Tilapien oder Wels abspeisen lassen.

Über Geschmack lässt sich nicht streiten. Fisch ist ein sehr gesundes und leicht verdauliches Nahrungsmittel. Marine Fische sind meist etwas fester im Fleisch als Süßwasserfische und haben einen geringeren Wasseranteil; ernährungstechnisch nehmen sie sich nichts. Und wenn man sieht, was in Deutschland auf die Teller kommt, hat der überwiegend aus Vietnam importierte Pangasius eine Spitzenposition – das ist ein billig produzierter, fast geschmacksneutraler Fisch, der durch Soße oder Panade schmackhaft gemacht wird.

Aquakultur ist eine Form von Massentierhaltung. Hat man da nicht automatisch Antibiotika mit auf dem Teller?

Mit Antibiotika belastete Fische und Shrimps kommen aus Ländern, in denen es kaum Kon-trollen gibt. In der EU sind Antibiotika im Futter für die Aquakultur nicht erlaubt – anders als bei Hühnern und Schweinen. Nur wenn in 
einem Fischbestand eine Krankheit tatsächlich aufgetreten ist, werden Antibiotika eingesetzt; die behandelten Tiere dürfen dann nicht mehr zum Verzehr verkauft werden.

Tierschützer werden trotzdem gegen diese Form von Massentierhaltung protestieren.

In Hühner- und Schweineställen ist Enge tatsächlich ein Problem. Die Aquakultur dagegen ist ein Glücksfall von Massentierhaltung, weil eine hohe, allerdings nicht zu hohe Besatzdichte sich positiv auf die Lebensqualität der Fische auswirkt. Wenn ich zum Beispiel zwei Forellen in einem Ein-Kubikmetertank halte, werden sie miteinander kämpfen, der Verlierer wird einen sehr hohen Stresshormonspiegel entwickeln und nach wenigen Wochen sterben. Wenn ich die Forellen dagegen in einer moderaten bis hohen Dichte halte, findet eine Schwarmbildung statt. Bei guter Futter- und Sauerstoffversorgung reduziert sich ihr Stresshormonspiegel massiv – und genau wie beim Menschen geht ein niedriger Cortisolspiegel mit einem guten Immunsystem einher. Erst wenn die Haltungsdichte zu hoch wird, erleben die Tiere wieder Stress und das macht sie dann wieder krankheitsanfällig.

Der Nachhaltigkeitsrat kritisiert, dass für die Herstellung von einem Kilogramm Fisch aus Aquakultur fünf Kilogramm Meeresfische verfüttert werden – insofern erscheint Aquakultur ja nicht gerade die Lösung gegen die Überfischung der Meere zu sein.

Das ist eine Frage der Berechnungsgrundlage. In der Lachsproduktion gibt es das tatsächlich: Anchovis werden in großen Mengen vor der peruanischen Küste gefangen, getrocknet, geschreddert und zu Trockenfutter verarbeitet. Da braucht man dann etwa vier bis fünf Kilogramm Anchovis für ein Kilo Futter, mit dem dann ein Kilo Lachs erzeugt wird. Das meiste Fischmehl besteht aber nicht aus extra gefangenen Fischen, sondern aus Schlachtabfällen. Von den 90 Millionen Tonnen Fisch, die die schwimmenden Fabriken weltweit fangen, werden nur etwa 60 Millionen Tonnen zu Lebensmitteln verarbeitet. Aus Kopf, Flossen, Gräten und Innereien wird Fischmehl produziert. Auch die Schlachtabfälle aus der Aquakultur können als Futtergrundlage wiederverwertet werden – und das findet auch statt, weil Fischmehl inzwischen recht teuer geworden ist: Eine Tonne kostet fast 2000 Euro. Außerdem werden inzwischen immer größere Anteile des Fischfutters aus pflanzlichen Proteinen aus Soja, Erbsen, Weizen oder Raps hergestellt. Selbst Forellen kann man komplett so ernähren.

Bei Soja denkt man natürlich sofort daran, dass zur Herstellung von Viehfutter für den europäischen Markt viele Kleinbauern in Lateinamerika ihrer Existenzgrundlage beraubt werden.

Das ist sicher ein Problem. Zugleich muss man aber auch bedenken, dass bei der Verfütterung an Fische mit der gleichen Menge mehr tierische Proteine erzeugt werden können als bei Hühnern, Schweinen und vor allem Rindern. Bei uns läuft aber gerade auch ein Versuch mit Fliegenmaden, aus denen wir Futter für den Afrikanischen Raubwels Clarias herstellen. Wir wollen herausfinden, ob die Tiere mit 100 Prozent Insektenmehl zurechtkommen. Bei Karpfen und Tilapien haben wir schon vor etwa 15 Jahren die Fischmehlanteile durch Insektenmadenmehl erfolgreich komplett ersetzt.

Wo kommen denn die Insektenmaden her?

Wir kaufen das Futter bei einer Firma in Brandenburg, die Soldatenfliegen produziert. Als Futterzusatz für Haustiere ist Insektenmadenmehl schon zugelassen, nicht aber für Nutztiere. Die EU ist da aufgrund der BSE-Krise sehr vorsichtig. Biologisch gibt es aus meiner Sicht aber keinen Grund, warum man Insektenmehl nicht als Fischmehlersatz einsetzen sollte. Die Maden ernähren sich von allen möglichen biologischen Reststoffen – sei es Silage aus Grünschnitt oder auch Kot. Ein früherer Doktorand aus Afrika brachte vor einigen Jahren eine Tonne getrockneter Maden mit, die er auf Hühnermist hatte wachsen lassen. Damit haben wir Karpfen und Tilapien gefüttert und zeigen können, dass das für die Fische keinerlei Probleme mit sich brachte.

Welche Fische bzw. Gemüse eignen sich?

Im Prinzip könnten es auch Kaltwasserfische sein wie Forellen oder Lachse, Karpfen, Zander – man kann alle Fische einsetzen, die sich in Kreislaufanlagen halten lassen und nachzüchtbar sind. Für die Tomate haben wir uns damals entschieden, weil sie relativ hohe Nährstoffansprüche hat und mit relativ wenig Wasser auskommt. Wer Tomate kann, kann aber auch jede andere hydroponische (erdlose Zucht) Pflanze anbauen – Paprika, Gurke, Salat, Chili oder auch Kräuter wie Basilikum.

AJ, Onyx Ausgabe 4, September 2016