Fünf Fragen an Sascha Lobo

Über die Krise des Privaten und digitalen Kapitalismus

D er rote Irokese ist sein Markenzeichen; sein Einblick in die digitale Welt und Wirtschaft macht ihn zu einem geschätzten Gesprächspartner und Autor. Als Teil einer »Community« hat sich Sascha Lobo jedoch noch nie hauptberuflich gefühlt, sondern betrachtet sie als »situative Zustandsbeschreibung«. Er geht praktisch nie ans Telefon, schreibt auf seiner Homepage, nicht belästigt werden zu wollen: »Ich bin im Mai vierzig Jahre alt geworden, und es liegt ja nahe, dass ich meinen Lebensabend nach den ersten Jahren der Online-Hektik inzwischen ganz beschaulich verbringe. Ich brauche ein Bollwerk gegen die Leute, die glauben, ein Recht auf Kommunikation mit mir zu haben.« Lobo glaubt, dass das Private sich in einer Art Krise befindet, die zugleich eine Neudefinition darstellt. Und er ist sich sicher: Die Durchsetzung demokratischer Vorstellungen von Privatheit kann nur über Druck der Öffentlichkeit auf die Politik gelingen.

Sascha Lobo, Jahrgang 1975, schrieb »Wir nennen es Arbeit«, den Klassiker über die Veränderungen von Wirtschaft und Gesellschaft durch das Internet. Zuletzt erschien »Internet – Segen  oder Fluch«. Hier äußert sich Sascha Lobo zu den amerikanischen Digital-Monopolen, der Privatsphäre im Netz und Hass-Kommentaren in sozialen Netzwerken.

Herr Lobo, ist es Zensur, wenn man von Facebook verlangt, Hass- und rechtsradikale Kommentare zu löschen?

Nein. Nicht jede existierende Kommunikation ist automatisch schützenswert, wenn auch die Grenzen nicht so klar sind, wie viele Leute das gern hätten. Aber wer glaubt, Mordaufrufe, Volksverhetzung, Holocaustleugnung seien eine »Meinung«, der glaubt auch, dass man sich mit einer Heckenschere die Fingernägel schneiden kann.

Wer passt im Zeitalter der NSA-Überwachung und  alltäglicher Hacker-Angriffe auf uns auf, wer kann das leisten?

Das ist ja gerade das Dilemma, dass der Staat diese Aufgabe in einer Demokratie übernehmen müsste, aber faktisch vor einem weltweit operierenden Geheimdienst-Apparat von NSA bis BND die Augen verschließt. In manchen Bereichen könnte man sogar sagen: systemisch korrumpiert ist. Private Lösungen gegen die radikale Vollüberwachung (wie Verschlüsselung von Mails) sind nicht nutzlos, aber bleiben Stückwerk, wenn sie nicht von politischen Veränderungen flankiert werden.

Heute hält sich jemand schon für ein Start-up, wenn er dreifarbige Klobürsten anbietet. Was kann heute an einem Start-up noch innovativ sein? Welche Bedeutung haben Start-ups für die digitale Entwicklung?

Och, dreifarbige Klobürsten, da sähe ich schon einen interessanten Markt. Auf eine Art. Gerade das disruptive Wesen von Start-ups heißt ja oft, dass man vorher glaubt, es handele sich um lächerliche Ideen, und hinterher erkennen muss, dass doch etwas dran ist. Wirklich neu an Start-ups kann auch heute noch sein, dass sie in einem schlecht belüfteten Büro zu viert ein Produkt ersinnen, was fünf Jahre später die Welt verändert. Früher dauerte das länger und war – außerhalb der digitalen Sphäre – oft zwingend mit erheblichem Produktionsaufwand verbunden.

Von Uber bis Amazon basieren viele der ganz großen Player vor allem auf dem Prinzip Lohndumping und Selbstausbeutung. Ist das alles, was uns die digitalisierte Welt auf Dauer zu bieten hat?

Nein, natürlich nicht, es gibt eine Vielzahl von Erfolgsgeschichten aus der digitalen Sphäre, bei denen das Netz geholfen hat, neue Formen von nicht-ausbeuterischen Arbeitsplätzen zu schaffen. Aber ich glaube, dass eine neue Ära heraufzieht, die des »Plattform-Kapitalismus«. Dabei rollen nach bestimmten Vernetzungsprinzipien funktionierende Plattformen ganze Branchen auf. Das muss gerade im Bereich der Arbeitswelt reguliert werden, aber es ist leider noch nicht klar, wie, weil die heutigen Instrumente mir dafür nur begrenzt geeignet erscheinen.

Das neue digitale Zeitalter ist geprägt von Monopolen wie Google oder Amazon. In der  Geschichte der Industrialisierung wurden Monopole wie zum Beispiel Anfang des 20. Jahrhunderts im Fall »Standard Oil«
immer wieder aufgebrochen. Wie sieht es heute aus, wann fallen Monopole der digitalen World Player, und wer kann das leisten?

Der erwähnte Plattform-Kapitalismus ist ein Begriff, den ich mir ausgedacht habe und der diese neuen ökonomischen Sphären beschreiben soll. In der Tat gehen diese oft mit neuen Formen von Monopolen einher. Der Silicon-Valley-Vordenker und Starinvestor Peter Thiel fordert in seinem Buch »0 to 1« sogar mehr Monopole. Er betrachtet Monopole als etwas durch und durch Gutes. Das sehe ich nicht so, aber ich glaube, dass monopolhafte Plattformen anders funktionieren und anders reguliert werden müssten als etwa ein Eisenbahn-Monopol oder eines für Erdöl. Meiner Meinung nach gäbe es Möglichkeiten, Quasimonopole als Plattformen so zu regulieren, dass sie nicht zerschlagen werden müssen und trotzdem gesellschaftlich wie wirtschaftlich funktionieren.

wz, Onyx Ausgabe 1, Oktober 2015