Fünf Fragen an Kyle Wiens

Über unreparierbare Produkte, quelloffene Software und den Erfolg von iFixit

Kyle Wiens, Interview

Kyle Wiens

M an könnte ihn einen Schrauber nennen; doch zu schrauben gibt es ja heute an elektronischen Geräten nichts mehr. Genau da setzt der Kampf des Kyle Wiens an. Gleich nach Verkaufsstart zerlegen er und sein Team jedes neue iPhone und verfassen Reparaturanleitungen für jedermann. Der Informatiker hat mehrere hunderttausend Anhänger weltweit, die über seine Website iFixit selber Handbücher ins Netz stellen. Wiens ist ein gefragter Redner, kämpft für nachhaltige Produkte und verkauft Ersatzteile, wenn Hersteller das nicht tun. Die Europazentrale von iFixit steht, wie könnte es anders sein, im Land der Tüftler, in der Schwaben-Metropole Stuttgart.

Herr Wiens, wie ist die Idee zu iFixit (»Ich reparier´s«) entstanden?

Ein Kommilitone und ich wollten 2003 im Studentenwohnheim eigentlich nur ein iBook reparieren. Dafür gab es keine Anleitung, also mussten wir herumprobieren. Wir bastelten und tüftelten, hatten es irgendwann geschafft. Es hat uns einfach geärgert, dass es für die meisten Geräte keine Reparaturanleitungen gibt. Es sollte doch einfach sein, Dinge selber zu reparieren. Also schrieben wir auf Basis unserer Erfahrungen ein paar Anleitungen, stellten sie kostenlos ins Internet. Die Hersteller liefern da keine große Unterstützung, darum helfen wir in solchen Fällen weiter. Inzwischen haben mehrere tausend Freiwillige eigene Reparaturanleitungen bei iFixit veröffentlicht.

Auch Autos werden zu Computern auf Rädern. Sie haben schon vor dem Abgas-Skandal von VW quelloffene Software gefordert …

VW sagt uns, dass wir ihnen vertrauen sollen. Wie sich herausgestellt hat, hätten wir nicht auf sie hören sollen. Es gibt nur einen Weg zu verhindern, dass man für dumm verkauft wird: Indem man selbst unter die Motorhaube guckt, und dazu gehört auch der Code, der für Autos geschrieben wird. Das wird in der Zukunft, wenn Autos sich selbst steuern können, noch an Bedeutung zunehmen. Es dürfte daher schwierig sein, dem Argument zu widersprechen, dass »embedded software«, also die Programme, die alles, von Autos bis zu WLAN-Routern, steuern, offene Software sein sollte, um Skandale wie bei VW zu vermeiden.

Unternehmen wie Google würden einwenden, dass Software wie ihr Such-Algorithmus Geschäftsgeheimnisse sind?

Ich glaube nicht, dass alle Software der Welt offen sein muss, sondern nur der Code, der physische Geräte ans Laufen bringt – besonders solche, die Bedeutung für die allgemeine Sicherheit haben. Prüfer werden ihre Aufgabe dann noch viel effektiver erledigen können, wenn sie erst mal Zugang zum Code haben. Auch Software für Haushaltsgeräte sollte für alle offen zugänglich sein. Im Moment ist es ja so, dass etwa Samsung keine Software-Updates für seine sogenannten »Internet der Dinge«-Kühlschränke anbietet. Daher funktioniert der eingebaute Kalender von Google nicht mehr. Ein typischer Kühlschrank hält heute 14 Jahre, in der Welt der Software ist das praktisch eine Ewigkeit. Keine Firma aktualisiert ein Programm so lange, und darum wird es in Zukunft vielen Haushaltsgeräten so gehen wie den Samsung-Kühlschränken. Das ist schlecht für die Kunden und schlecht für die Umwelt. Wäre der Code offen, könnten die Leute ihre Geräte auch ohne Samsungs Hilfe weiter betreiben.

Die Wegwerflogik vieler Hersteller ist für Kunden nicht nur teuer, sondern vernichtet viele Rohstoffe. Bräuchten wir schärfere Gesetze?

Wir müssen die internationalen Umweltstandards für elektronische Geräte verbessern. Im Augenblick ist alles, vom EPEAT in den Vereinigten Staaten bis zum »Blauen Engel« in Deutschland, sehr, sehr schwach, was Reparierbarkeit und Haltbarkeit der Produkte betrifft. Wir brauchen auch mehr Hilfe für Kunden, damit sie verantwortungsvolle Entscheidungen treffen können. Die Menschen sollten in die Lage versetzt werden, die Laufzeit eines Geräts einschätzen zu können, wenn sie es kaufen. Insgesamt glaube ich aber, dass wir statt Gesetzen gegen den geplanten Verschleiß von Geräten – wie etwa gerade in Frankreich – die Anbieter verpflichten sollten, Reparaturanleitungen anzubieten und Ersatzteile für fünf bis zehn Jahre vorrätig zu halten. Davon hätten letztlich alle etwas.

Gibt es ein Gerät, bei dessen Reparatur auch Sie aufgeben mussten?

Das BB-8-Star-Wars-Spielzeug zum Beispiel, der Apple-Stift oder der iPod Shuffle. All diese Geräte waren so gebaut, dass es unmöglich ist, sie zum Reparieren in ihre Einzelteile zu zerlegen. Das bedeutet übrigens auch, dass man sie nicht richtig recyceln kann.

tb, Onyx Ausgabe 2, Februar 2016