Fünf Fragen an Juli Zeh

Über die Freiheit im digitalen Zeitalter und die letzten Exzentriker

Das Leben auf dem Land ist alles andere als eine Idylle, zumindest in Juli Zehs neuem Gesellschafts­roman »Unterleuten«. Die promovierte Juristin, 1974 in Bonn geboren, zählt seit ihrem Debüt (»Adler und Engel«, 2001), das in 31 Sprachen übersetzt wurde, zu den bekanntesten deutschen Autoren. Sie ist eine der wenigen auch politisch engagierten Schriftstellerinnen. Im Interview spricht sie über Freiheit im digitalen Zeitalter und was Stadt- und Landmenschen heute unterscheidet

Frau Zeh, wie erklären Sie sich die starke Sehnsucht vieler Städter nach dem Landleben?

Mein Eindruck ist, dass es sich gar nicht um Sehnsucht nach dem echten Landleben handelt, sondern um eine Fluchtbewegung hinaus aus den Städten. In der globalisierten Welt gibt es kaum noch Exotik, irgendwie wird der Planet immer klaustrophobischer. Da ist vielleicht die Provinz das letzte Exil, in das man sich flüchten kann, wenn man es im Zuviel und Zugroß und Zuschnell der Metropolen nicht mehr aushält.

Sie wohnen seit einigen Jahren selber auf dem Land. Haben Sie dort mehr Ruhe gefunden?


In gewisser Weise schon. Wir waren zwar nicht auf der Flucht, sind eher zufällig auf dem Dorf gelandet. Ich habe hier ganz neue Erfahrungen gemacht, Freundschaften mit Menschen, denen ich sonst nie begegnet wäre. Erst war mir gar nicht klar, wie groß der Einfluss auf mein Leben sein würde. Aber nun, da wir zwei kleine Kinder haben, merken wir einen gewaltigen Unterschied und den genieße ich sehr. Der lange Arm der Leistungsgesellschaft reicht nicht bis in unser Dorf. Hier werden Kinder – und auch Erwachsene – noch nicht rund um die Uhr beobachtet und gefördert und evaluiert. Kinder dürfen noch Kind sein, Erwachsene dürfen ihr Leben führen. Es gibt hier draußen echte Exzentriker, Leute, die in den angepassten und immer homogeneren Großstädten gar nicht geduldet wären, weil sie einem Spleen nachgehen, zum Beispiel 20 Katzen halten oder sich als Indianer verkleiden oder riesige Plastikpalmen sammeln und in den Garten stellen.

Was unterscheidet Stadt- und Landmenschen eigentlich, können Sie unterschiedliche Eigenschaften feststellen?

Die Landmenschen, die ich erlebe, sind eigenwilliger, individualistischer, vielleicht sogar exzentrisch. Sie leben in großer Ferne von den Städten und damit auch vom Staat. Die Kommunikationsgesellschaft hat kaum Auswirkungen, das Internet wird fast gar nicht benutzt. Man erwartet wenig vom Staat, jammert wenig, hilft lieber sich selbst und den Nachbarn. Klassische Werte wie Treue, Ehre, Loyalität, Solidarität und so weiter spielen nach wie vor eine Rolle. Die Familie hat noch immer eine große Bedeutung. Viele Kinder bleiben in der Gegend, obwohl sie woanders viel bessere Jobs kriegen könnten. Städter hingegen erlebe ich als sehr angepasst, sehr leistungsorientiert, sehr ängstlich. Auch orientierungslos, gestresst.

Ich glaube, viele Großstädter haben heute ein echtes Identitätsproblem, sie wissen nicht, wer sie sind – und das nicht, weil sie Migrationshintergrund haben, sondern weil die klassischen Rollenmuster einfach zusammengebrochen sind und viel Verwirrung hinterlassen haben. Was ist heute ein guter Vater, ein Familienernährer, eine erfolgreiche Frau, eine liebende Mutter? Kann man als Single glücklich sein? Wie viel bedeutet Karriere und was ist Erfolg? Viele Leute können sich heute nur noch an sich selbst orientieren, und das ist schwer.

Sie treten seit vielen Jahren gegen die Massenüberwachung durch Geheimdienste und die Datensammelwut von Google & Co ein. Großen Widerhall fand das nicht. Woher kommt die Gleichgültigkeit bei diesen Themen?

Die Menschen sind überfordert, weil alle das Gefühl haben, die technische Seite der digitalen Revolution nicht zu verstehen und sich deshalb keine Meinung bilden zu dürfen. Das erlebe ich sogar bei hochrangigen Politikern, diese Angst davor, das Thema anzupacken und einfach zu sagen: So soll die Welt aussehen, in der wir leben wollen, also lass es uns anpacken, lass uns dafür kämpfen! Die Menschen haben verlernt, wie politisches Engagement funktioniert. Kein Umweltschützer hat früher geglaubt, er müsse das Funktionsprinzip eines Kernreaktors verstehen, damit er gegen Atomkraft protestieren darf. Die Leute sind auf die Staße gegangen, weil sie sich mit einer technischen Entwicklung unwohl gefühlt haben. Das ist heute anders. Heute wollen alle die Köpfe wiegen und das Für und Wider abwägen und am Ende sagen: Man kann ja doch nichts ändern. Das ist die allgemeine Stimmung im Land.

Wo sehen Sie die größten Gefahren für unsere persönliche Freiheit im digitalen Zeitalter?

Zum Einen werden Entscheidungen zunehmend von Algorithmen getroffen, und die haben ein großes Diskriminierungspotenzial. Wer einen Kredit bekommt, kann davon abhängen, welche Herkunft er hat, ob der Antragsteller männlich oder weiblich ist, wo er wohnt und welcher Religion er angehört. Alles das hat erst einmal nichts damit zu tun, wie zahlungsfähig jemand ist – es sind aber Kriterien, die ins Profiling eingestellt werden und die statistische Auskünfte über eine Person erteilen. Was früher absolut tabu war – zum Beispiel jemanden wegen seiner Hautfarbe zu diskriminieren –, machen Algorithmen unbemerkt den ganzen Tag, und sie treffen immer mehr lebenswichtige Entscheidungen für uns und über uns. Zum anderen ermöglicht das Profiling eine hohe Manipulation des Einzelnen. Menschliches Verhalten wird vorhersagbar und deshalb beeinflussbar. Unsere private Lebensführung ist hochinteressant für staatliche Behörden, für Versicherungen, für Mobilfunkanbieter, Internetprovider, für Geheimdienste und Polizei. Je mehr darüber bekannt wird, desto kleiner sind die Bereiche, in denen wir uns tatsächlich noch frei bewegen können. Schon jetzt hat sich dieser Bereich im Grunde auf den Grundriss der eigenen Wohnung reduziert – es sei denn, man hat Rauchmelder installiert, die die Wohnräume überwachen, dann ist es mit der Privatheit zu Hause auch vorbei.

 

mo, Onyx Ausgabe 3, Mai 2016