Meer Rettung

Eine Million Seevögel und 100 000 Meeressäuger sterben laut Schätzungen der UN jedes Jahr am Plastikmüll. Der sammelt sich in gigantischen Müllstrudeln der Ozeane und zerfällt oft erst über die Jahrhunderte. Manche Idee zur Rettung der Meere klingt fantastisch – oder genial

 

Die Expedition startet mit 30 Segelyachten in Honolulu. An Bord sind Ozeanografen, Wissenschaftler und zahlreiche freiwillige Helfer. Sie sind auf dem Weg nach San Francisco, queren den nörd­lichen Pazifik. Ein Stück ursprünglicher Natur, könnte man denken. Doch auf der Fahrt pflügen sich die Boote eine Bahn durch den größten Müllstrudel der sieben Weltmeere. In dem schwimmt inzwischen mehr Plastik als Plankton. Der Abfall der Neuzeit dreht sich in einem Gebiet so groß wie ganz Westeuropa im Kreis. Ein gefährlicher Strudel, Gift für den Globus.

Als die Segler vier Wochen später wieder an der amerikanischen Westküste festmachen, haben sie mehrere Tonnen Plastikabfälle eingesammelt und werden von Boyan Slat, dem Gründer der Initiative »The Ocean Cleanup«, empfangen. Der Niederländer hat die Expedition in diesem Sommer organisiert, um die Plastikverschmutzung genauer zu erkunden. Sein Ziel ist es, die Abfälle aus allen fünf Müllstrudeln der Weltmeere zu fischen. Dazu lässt er schon nächstes Jahr eine erste Pilotanlage nahe der Küste Japans bauen.

Zwei Millionen Dollar hat Slats Öko-Start-Up dafür in drei Monaten eingesammelt. Überwiegend Kleinspender aus 160 Nationen glauben an seine Mission, das Meer vom Plastikmüll zu säubern. Die Strömung soll den Abfall in 100 Kilometer lange Fangarme treiben, wo der Müll eingesammelt und später an Land recycelt wird.

Eine scheinbar einfache Lösung für eines der größten Umweltprobleme unserer Zeit. Und so ist Boyan Slat in kürzester Zeit zum Shootingstar unter den Umweltaktivisten aufgestiegen, von der UNO zum »Global Champion for the Earth« gekürt, Held einer neuen Bewegung, die Gleichgesinnte nicht mehr auf Demos findet, sondern per Likes auf Facebook, Klicks auf Youtube und Crowdfunding per Indiegogo.

Bojan Slat im Arbeitszimmer, an der Wand hinter ihm die erste Konzeptzeichnung für sein Projekt

Ein Visionär, der endlich anpackt, sagen seine Bewunderer. Ein Märchenerzähler, der falsche Hoffnungen weckt, seine Kritiker. Für einen gerade einmal 21-Jährigen hat der smarte Niederländer jedenfalls schon erstaunlich viel bewegt – seit er vor drei Jahren auszog, die Weltmeere zu retten.

Die sind zu einer gigantischen Mülldeponie verkommen. Allein von den Küstenländern gelangten zuletzt jährlich acht bis neun Millionen Tonnen Plastikmüll in die Meere, rechnete eine amerikanische Studie hoch. Über 100 Millionen Tonnen Plastik befinden sich bereits in den Ozeanen, schätzt die US-Meeresbehörde NOAA, und jedes Jahr kommen bis zu zehn Prozent der weltweiten Kunststoffproduktion hinzu, rund 4,2 Kilogramm pro Erdenbewohner.

Das sind natürlich sehr grobe Schätzungen angesichts der unendlichen Weiten der Ozeane und einer eher dünnen Datenlage. Und so kommen derzeit im Halbjahresrhythmus neue Zahlen auf den Tisch. Gesichert ist die Erkenntnis, dass der Großteil des Mülls vom Land stammt, von ungesicherten Deponien, weggeworfenen Tüten und Flaschen, Treibgut nach Stürmen oder Tsunamis und Abfällen der Industrie. Ein großer Teil wird über die Flüsse ins Meer geschwemmt.

Die Strömung treibt viele Abfälle dann in die Müllstrudel, wo sie nahezu unverrottbar ihre Kreise ziehen (siehe Grafik). Einen Teil des Mülls spuckt die See wieder an die Strände zurück und geschätzte 70 Prozent sinken auf den Meeresgrund. Rund um Europa sah das Meeresforschungsinstitut der Universität der Azoren kürzlich einmal genauer hin und entdeckte an allen 32 ausgewählten Stellen Plastikmüll. »Der größte Teil der Tiefsee ist vom Menschen noch unerforscht, und viele Stellen haben wir zum ersten Mal besucht«, so Kerry Howell, ein Mitautor der Studie. »Wir waren schockiert zu sehen, dass unser Müll schon lange vor uns da war.«

Die fünf größten Müllstrudel der Weltmeere

Kunststoffe bauen sich nach derzeitigen Erkenntnissen nicht biologisch ab, Sonnenstrahlen und Reibung durch die Strömung lassen sie über die Jahrzehnte und Jahrhunderte lediglich in immer kleinere Teile zerfallen. Und so treibt in den fünf großen Müllstrudeln der Meere bis zu fünf Millimeter kleines Mikroplastik, das wie ein Schwamm andere Gifte in der Umgebung aufsaugt, so der japanische Geochemiker Hideshige Takada. Über Muscheln oder Fische gelangen sie wieder in unsere Nahrungskette.

Die Fauna leidet an der schleichenden Plastifizierung am meisten. Seevögel verwechseln kleine Plastikbruchstücke mit Nahrung, gehen geschwächt und verstopft zugrunde oder verhungern trotz eines gefüllten Magens; Meeresschildkröten fressen versehentlich Folien statt durchsichtiger Quallen; Robben verenden in alten Fischernetzen aus Nylon, die nicht mehr verrotten. Selbst an den entlegenen Küsten der Färöer-Inseln im Nordatlantik haben bereits mehr als 90 Prozent der tot angespülten Eissturmvögel Plastik im Magen. An der neuen Müllpest sterben jedes Jahr 100 000 Meeressäuger und eine Million Seevögel. Die globale Misere ist bekannt, aber niemandem fällt dazu offenbar etwas ein. Bis auf Boyan Slat.

Schon die Flüsse sind verseucht

»Warum räumen wir den ganzen Abfall im Meer nicht einfach wieder auf«, fragte er sich schon als 16-Jähriger. Beim Tauchen in Griechenland hatte er mehr Plastiktüten als Fische gesehen. Seit diesem Urlaub auf Lesbos ließ ihn das Thema nicht mehr los. Er bastelte in der Schule Auffangvorrichtungen für Plastik, vertiefte sich für eine Facharbeit in die Werke der Meeresforscher und die Geschichte der Kunststoffe.

Er erfuhr, dass der dänische Chemiker Leo Hendrik Baekeland 1907 den ersten Massenkunststoff Bakelit erfand und die industrielle Produktion von Polymeren nach dem Zweiten Weltkrieg voll anlief. Er lernte, wie aus Erdöl kleine Plastikpellets hergestellt werden, wie sich aus dem eingeschmolzenen Granulat und chemischen Additiven praktisch jedes Produkt herstellen lässt, ob hart oder biegsam.

Und Boyan Slat sah jeden Tag mit neuen Augen auf »unser Plastikzeitalter«, wie er es seitdem nennt. Auf einzeln in Plastik verpackte Kekse auf einer Plastikschale in einer weiteren Plastikverpackung, die dann in einer Plastiktüte nach Hause getragen wird. Er lernte, dass bei jedem Waschgang einer Fleecejacke bis zu 1 900 Mikrofasern ungefiltert über das Abwasser in die Meere gelangen. Dass es für die kleinen Plastikkügelchen in einigen Zahncremes oder Peelings keine Filter in Kläranlagen gibt und sie letztlich im Meer enden.

Erst seit etwa zehn Jahren beschäftigt sich die Wissenschaft intensiver mit den Ausmaßen der Plastikverschmutzung – und entdeckt seitdem Verheerendes. 2010 und 2012 fanden Forscher in der Donau mehr Plastik als Fischlarven. Bei knapp 80 Prozent der kleinen Kunststoffteile handelte es sich um verloren gegangenes Rohmaterial der Industrie wie Pellets oder Flakes. Hochgerechnet spüle die Donau damit jeden Tag 4,2 Tonnen Plastikmüll in das Schwarze Meer, so das Forscherteam um Hubert Keckeis von der Universität Wien.

Mikroplastik findet sich inzwischen auch an allen Stränden, an den Küsten Englands wie auf Hawaii, das in der Nähe des pazifischen Müllstrudels liegt. Dort gibt es am Kamilo Beach bis in 30 Zentimeter Tiefe bereits mehr Plastik- als Sandkörner. »Tränen der Meerjungfrau« werden die kleinen Plastikteile unter Seefahrern wie Charles Moore genannt.

Der 66-jährige Segler hat den nordpazifischen Müllstrudel 1997 entdeckt. Auf der Rückfahrt der Transpacific-Regatta, von Hawaii nach Los Angeles, nahm er eine Abkürzung durch die Rossbreiten. Skipper meiden diese Gewässer, in denen meist Flaute herrscht. Für Moore, der die unverdorbene Schönheit der Meere liebt, war es ein Schock. »Ich war in der Mitte des Ozeans und wo ich auch hinblickte, entdeckte ich Plastikteile. Flaschen, Deckel und Tüten, Styroporbecher und Bruchteile von irgendwas – so weit das Auge reichte, schwamm irgendwo irgendein Stück Unrat.«

Moore hatte per Zufall einen jener Müllstrudel entdeckt, die Ozeanografen wie Charles Curtis Ebbesmeyer vorausgesagt hatten. Gemeinsam nahmen die beiden später Proben und fanden bis zehn Meter unter der Oberfläche Unmengen kleiner Plastikpartikel. Im Jahr 1999 war es – gemessen am Gewicht – sechs Mal mehr Plastik als Plankton, knapp zehn Jahre später fanden sie bereits 46 Mal mehr.

Eine Lösung für das Müllproblem ist nicht in Sicht. Einstweilen finden jedes Jahr internationale Aufräumaktionen an den Stränden statt. An der Nordsee können Fischer den Plastikmüll-Beifang im Rahmen der Initiative »fishing for litter« kostenlos im Hafen entsorgen. Einige Länder wie etwa Bangladesh haben Plastiktüten inzwischen verboten, auf Sansibar wird deren Einfuhr oder Verteilung mit bis zu 1 560 Euro Strafe belegt und in der Europäischen Union soll deren Verbrauch bis 2025 halbiert werden. Trotzdem gelangt jedes Jahr mehr Plastik in die Meere, die Produktion der Kunststoffe boomt (siehe Grafik).

Alle bisherigen Ideen, den Müll mit Schiffen und Netzen wieder einzusammeln, sind im großen Maßstab nicht realisierbar. Auch Boyan Slat hatte als Schüler damit experimentiert und Auffangvorrichtungen erfunden, bis er seine eigene Lösung entdeckte: Es braucht gar keine Schiffe, die Meeresströmung treibt den Müll in den Strudeln praktisch von alleine in entsprechende Fangvorrichtungen.

Die geplante Anlage im Nordpazifik soll mit ihren 100 Kilometer langen Fangarmen bis in drei Meter Tiefe auch kleine Plastikteile auffangen und über die Strömung einer Sammelstation zuführen. Zwei Container Müll sollen so pro Tag abgefischt und acht Mal im Jahr mit Schiffen zum Recycling an Land gebracht werden. Die Kosten von rund 320 Millionen Dollar pro Anlage – fünf sollen es am Ende werden, eine pro Müllstrudel – würden laut Slat deutlich unter den Schäden liegen, die der Plastikmüll jedes Jahr verursacht.

Trotz aller Skepsis: erste Pilotanlage entsteht 2016

Bei den altgedienten Kämpen unter den Meeresrettern erregte Slats Lösung und der plötzliche Ruhm zunächst aber nur Ablehnung und Kritik. »Eine Prophezeiung aus dem Märchenland«, nannte Stiv Wilson von »5 Gyres«, einer der führenden Umweltorganisationen für Plastikmüll, seine Idee. »Reine Science Fiction«, urteilte Mark Lenz vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel.

Die Fangarme für das Plastik ließen sich in den Müllstrudeln nicht sicher auf dem 4 000 Meter tiefen Meeresgrund verankern, so die Kritiker. Bislang gebe es lediglich Vorrichtungen für eine Tiefe von 2 400 Metern. Außerdem würden die Fangvorrichtungen Plankton zerstören, andere Meereslebewesen könnten sich darin verheddern.

Den Kritikern passte die ganze Richtung nicht. Es gehe darum, die Ursachen der Verschmutzung zu bekämpfen, sagte etwa Richard Thompson von der Universität Plymouth der BBC. Plastik aus den Meeren zu holen sei etwa so, als wolle man das überschwemmte Bad mit einem Wischmopp trocknen, währenddessen alle Wasserhähne weiter offen sind.

Boyan Slat hat solche Kritik schon oft gehört. Wenn er in sein kleines Büro in der Universität Delft kommt, hat er von der vielen Arbeit immer öfter Ringe unter den Augen. Erst mal, so sagt er, »ist gegen die Plastikverschmutzung überhaupt noch kein geeigneter Wischmopp erfunden worden«. Es könne also nicht schaden, das mal zu versuchen. Und wer sich nur auf die Prävention konzentriere, sende die demotivierende Botschaft aus: »Das Beste, was wir tun können, ist, es nicht schlimmer zu machen.«

Gemeinsam mit 100 Ingenieuren, Wissenschaftlern und freiwilligen Helfern hat er inzwischen in zwei Machbarkeitsstudien nachgewiesen, dass sein Projekt funktionieren kann, auch die Befestigung am Meeresboden. Einige seiner ersten Kritiker sind inzwischen auch milder in ihren Urteilen. Und Boyan Slat ist etwas bescheidener geworden, seine Zahlen sind realistischer. Er hat jetzt Phase Zwei eingeläutet, beschäftigt 25 fest angestellte Mitarbeiter und betreibt den Bau der Pilotanlage mit zwei Kilometer langen Fangarmen. Vor einer japanischen Insel im Pazifik soll die Anlage Mitte nächsten Jahres ihre Arbeit aufnehmen.

Bislang sind es »nur« 38 000 Kleinspender, welche die Arbeiten an einer Lösung finanzieren. Für den Bau der kompletten Anlage müssten sich später aber wohl auch Staaten und Unternehmen beteiligen. Die sieben führenden Industrieländer haben sich auf ihrem jüngsten G7-Treffen in Deutschland zwar für den Kampf gegen die Meeresverschmutzung ausgesprochen. Ob mehr als ein Lippenbekenntnis und ein paar Millionen für die Forschung dabei herausspringen, darf aber bezweifelt werden. Denn welcher Staat sollte freiwillig Geld für eine Art Müllabfuhr in internationalen Gewässern geben?

Boyan Slat bleibt trotzdem optimistisch. Passiven Filtern für Plastikmüll gehört die Zukunft, glaubt er, nicht nur in den riesigen Müllstrudeln, auch in den Flussmündungen, damit der Unrat gar nicht erst ins Meer treibt. An der Uni Delft arbeitet »The Ocean Cleanup« schon an ersten Spin-Offs, die sich damit beschäftigen. Boyan Slat ist überzeugt, dass die Zeit für seine Lösung gekommen ist.

mo, Onyx Ausgabe 1, Oktober 2015