Operation Regenwald

Der 48 Jahre alte Professor Greg Asner von der Stanford University ist dabei, die Erforschung der Tropenwälder zu revolutionieren. Seine fliegenden Laser-Kameras produzieren »Röntgen«-Bilder der Flora, die alle relevanten Parameter der Natur erfassen und zu konkreten Handlungsanweisungen führen
Fotos: Carnegie Airborne Observatory

Der Regenwald von Panama, wie Greg Asner ihn “fotografiert” hat. Mit dieser Darstellung wurde die Wuchsgeschwindigkeit der verschiedenen Bäume erfasst. Rote Einfärbung heißt schnelles Wachstum, blaue langsameres Wachstum

Zwei Kilometer über Borneo sitzen Greg Asner und seine Frau Robin Martin in ihrem Flugzeug und betrachten den Regenwald – nicht etwa durchs Fenster, sondern auf den Bildschirmen vor ihnen. Seit sechs Stunden gleitet die in Deutschland gebaute zweimotorige Dornier 328 Turboprop mit 460 Stundenkilometern gemächlich über grüne Berge, Täler und braune Urwaldströme: unzugängliche Gebiete fern der Zivilisation, wo scheue Ureinwohner Wildtiere jagen.

Der schlaksige Umwelt-Professor (48) von der amerikanischen Stanford University und die blonde Geowissenschaftlerin (46) sind Pioniere des Umweltschutzes. Mit völlig neuen Methoden wollen sie ihren Beitrag leisten, die bedrohten Regenwälder der Welt zu retten.

Im malaysischen Teil, der drittgrößten Insel der Welt, messen sie mit hochkomplizierten Geräten aus der Luft die pflanzliche Biomasse der schier endlosen Wälder. Es geht darum, der Regierung in Kuala Lumpur zu helfen, den Regenwald zu konservieren. Er leidet, wie in vielen anderen tropischen Ländern, unter illegalem Holzeinschlag und der Ausbreitung von Palmöl-Plantagen. »Genaue Informationen über den gesundheitlichen Zustand der Bäume sind Voraussetzung zur Erstellung eines Rettungsplans«, sagte Greg Asner gegenüber Onyx.

Asners fliegendes Laboratorium heißt »Carnegie Airborne Observatory« (CAO). Sein »Auge« ist das »Airborne Taxonomic Mapping System«. Diese von Asner entwickelte Kombination mehrerer Laser-Geräte sendet pro Sekunde 500 000 Signale zu Boden und fängt die Echos wieder auf. Sie registriert unter anderem den Kohlenstoff in Stamm und Wurzeln jedes Baumes und in jeder anderen Pflanze. Auch Temperatur, Feuchtigkeit, Luftdruck und verschiedene Gase wie Methan und Pflanzendunst können so systematisch erfasst werden.

Spektrometer und andere Computer vergleichen sie mit Informationen einer Data-Base an Bord. Greg Asners Data-Bank besteht aus Informationen über 5 000 Pflanzenarten, die in jahrelanger Arbeit von Botanikern am Boden gesammelt wurden. Alle Veränderungen in den Pflanzen des Waldes erscheinen auf den Bildschirmen des Laboratoriums. Diese druckt Asner dann auf vielfarbigen dreidimensionalen Karten aus.

Rot bedeutet: dicke, schwere Bäume, hohe Kohlenstoff-Konzentration, ein Zeichen guter Gesundheit. Braun: starke Schäden durch Abholzung, Erzminen, Landwirtschaft. Gelb, grün und blau: wenig Kohlenstoff. Asner: »Aus der Luft sieht der Wald aus wie eine geschlossene grüne Decke. In Wirklichkeit besteht er aus einer unglaublichen Artenvielfalt. Unser CAO macht dieses Spektrum erstmals sichtbar. Pro Minute untersuchen wir mehr als eine halbe Million Bäume.«

Greg Asner an seinem Arbeitsplatz, dem fliegenden Labor, das er selber entwickelt hat

In vier Wochen will Asner auf Borneo 20 Millionen Morgen Land analysieren: »Danach überlassen wir unsere Karten der Regierung Malay-sias und der UNO, damit sie wissen, wie es um Borneos Regenwald bestellt ist. Sie können mit diesem Material anschließend gemeinsam Pläne zum Schutz des Waldes erarbeiten.«

Greg Asner ist seit Jahren aktiv im Umweltschutz. Er weiß aus eigener Forschung: »Mit Schrecken ist zu beobachten, wie die Menschheit den Regenwald vernichtet. Der Verlust der tropischen Wälder nimmt nicht nur Menschen, Tieren und Pflanzen den Lebensraum. Er verstärkt auch die Veränderung des Klimas.« Die Regenwälder bilden gigantische natürliche Lager für Kohlenstoff. Jeder Baum besteht zur Hälfte aus Kohlenstoff. Wenn ein Baum gefällt oder ein Wald niedergebrannt wird und der Kohlenstoff sich mit dem Sauerstoff der Luft verbindet, entsteht Kohlendioxid, das vorherrschende Greenhouse-Gas. UNO-Ermittlungen zufolge verursacht Entforstung etwa 15 Prozent aller Treib-hausgase. Asner: »Der Schutz der Regenwälder ist der beste natürliche Schutz der Natur, weil sie zudem Kohlendioxid aus der Atmosphäre saugen, konservieren und unschädlich machen.«

Diese Erkenntnis mag inzwischen Allgemeingut sein, doch es ist Asners Verdienst, dass daraus die richtigen Handlungsanweisungen erfolgen und vielleicht zwischen Skeptikern und Umweltschutz-Protagonisten sinnvolle Kompromisse möglich werden. Natürlich gibt es längst Satelliten-Aufnahmen von der fortschreitenden Entwaldung der Erde. Aber Satelliten-Kameras brauchen einen wolkenlosen Himmel und – noch wichtiger – sie liefern keine weitergehenden Erkenntnisse über die Flora, weil sie schlicht die Waldkronen nicht durchdringen. Erst das Asner-Verfahren gibt Auskunft darüber, wie es unter ihnen aussieht, ob die Vegetation gesund ist, wieviel Kohlenstoff sie festhalten. Bislang waren Forschung, Regierungen und die UNO auf Schätzungen angewiesen.

Und das öffnete die Türen für Missbrauch und faule Ausreden. Entsprechend einem internationalen Abkommen zahlen Industrienationen und große Konzerne, die Mengen Treibhausgase ausstoßen, ärmeren Ländern Ausgleichszahlungen dafür, dass sie ihren Regenwald erhalten. Doch wo und wie weit ist die Zerstörung fortgeschritten? Wo müssen die Mittel sinnvollerweise hinfließen? Und: Haben die Geldempfänger das Geld richtig eingesetzt? Es gab keine Methode, um zu prüfen, ob die Geldempfänger ihren Wald wirklich schützen oder ob sie ihn weiter vernichten ließen. Millionen flossen in Regionen, in denen das Waldsterben ungebremst fortschritt. Zum Beispiel an Liberia und an Staaten im Norden Brasiliens. Auch das hat Greg Asner aufgeregt – und angeregt, etwas zu ändern: Messung des Kohlenstoffes in der pflanzlichen Biomasse mit Laser-Systemen: »Es ist der sicherste Weg festzustellen, ob und wie sich der Wald verändert hat.«

Der Amazonas Regenwald in Peru. Hier hat Asner vorwiegend den Kohlenstoffgehalt der Vegetation erforscht, um illegale Abholzung zu dokumentieren

Im Jahre 2001 blickte er zu Hause in Kalifornien mit seinem Scan-System »LiDAR« zum ersten Mal erfolgreich ins Mark der Bäume. In den folgenden Jahren entwickelte er zwei zusätzliche Spektrometer, die nun zusammen mit LiDAR arbeiten. »Ein einziger Überflug mit unserem CAO produziert mehr Informationen über ein Ökosystem, als ein Wissenschaftler in seinem ganzen Leben zusammentragen kann«, versichert Asner. Sein Flugzeug kaufte er letztes Jahr gebraucht von einer kanadischen Gesellschaft, die es als Transporter für schweres Gerät am nördlichen Polarkreis eingesetzt hatte. Es kann zehn Stunden lang ohne Auftanken fliegen – und zwar sehr langsam, was eine Voraussetzung für die Aufnahmen ist. Er klingt ein wenig stolz, wenn er sein Technik-Abenteuer beschreibt: »Wir haben die Maschine komplett ausgeräumt und unser High-tech-Labor eingebaut; mit Tischen, Computern, Monitoren. Wir scannen bis zu 500 Quadratkilometer pro Tag.« Außer ihm, seiner Frau und zwei Piloten sind noch zwei weitere Wissenschaftler an Bord. Das Team verbringt seitdem jedes Jahr sechs Monate in oder besser über einer anderen Region auf der Welt.

Das erste Land, das Asner komplett vermaß, war Peru. »Wir haben uns jeden Baum und jede Pflanze vorgenommen, insgesamt 128 Millionen Hektar, die meisten davon Wald. Es war wie ein Blut-Test der Natur.« Dabei entdeckte er unter anderem, dass eine Milliarde von den sieben Millarden Tonnen Kohlenstoff in Perus Bäumen zu entweichen drohen: »Sollten das Abholzen, der Ausbau von Minen, das Bohren nach Erdöl und das Anlegen von Palmöl-Plantagen wie geplant fortgesetzt werden, kommt es zu einer Katastrophe.« Daraufhin hat Norwegen Peru 300 Millionen Dollar für den Waldschutz überwiesen.

Beim Überfliegen der süd-östlichen Regionen Perus stellte Asner fest, dass illegale Goldsucher in der Madre de Dios-Provinz dreimal so viele Waldschäden anrichteten, als die Behörden selbst angenommen hatten: »Die Digger wühlen sich unter dem Schutz der Baumkronen in Tausenden kleiner Gruppen in den Boden. Wir konnten sie mit unseren empfindlichen Gerätschaften ausmachen. Wir haben sie entdeckt, weil wir Veränderungen an einer nur zehn Quadratmeter großen Stelle erkennen können. Satelliten können das schon mal gar nicht. Der Goldrausch in Madre de Dios hat mehr Wald zerstört als Holzfällen und Landwirtschaft zusammen. Viel Flora und Fauna in dieser an Artenvielfalt reichen Landschaft gehen für immer verloren.« In Lima hat er vehement seine Erkenntnisse publik gemacht; Perus Regierung ist nun dabei, den illegalen Goldschürfern das Handwerk zu legen.

Hawaii: Geheimnisvolle Krankheiten der Bäume und das Sterben der Korallen – Asner hat es aufgeklärt

Nach der Expedition in Peru luden die Behörden von Kolumbien, Panama, Costa Rica und Madagaskar Asner ein, den Zustand auch ihrer Regenwälder zu analysieren. Seine farbigen Karten helfen den Verantwortlichen nun beim Umweltschutz. 2015 wurde Greg Asner von Hawaii zur Hilfe gerufen, weil plötzlich viele Korallen abstarben und ein Pilz die einheimischen Ohia-Bäume zerstörte. Beides gravierende Krisen der Natur für die Insel. »Das Bleichen der Korallen führt zum Sterben der Algen«, erklärt er. »Die Ohia-Bäume sind wichtig, weil sie Wasser speichern, Vögeln Nahrung bieten und mit ihrem Nektar die unter ihnen wachsenden Pflanzen schützen.«

Vier Wochen lang flog er mit seiner Mannschaft kreuz und quer über Korallen-Riffe und Berge, um herauszufinden, was die Probleme zu Wasser und zu Land verursachte. »Gleichzeitig suchten wir nach gesunden Korallen-Feldern und gesunden Ohia-Bäumen, um den Ursachen auf die Spur zu kommen«, berichtet er. Ergebnis: »Unsere Messungen ergaben, dass die Erwärmung der Erde die Ursache für die Schäden an Korallen und Bäumen ist.« Dank Asners farbigen Karten konnte Hawaiis Wasser-Behörde gesunde, widerstandskäftige Korallen sammeln, die sie nun in Tanks hochpäppeln lässt. Anschließend werden sie ausgesetzt, sollen die toten Korallenfelder zu neuem Leben bringen. Von den gesunden Bäumen sammeln Experten Samen, mit denen neue Ohia-Bäume gezüchtet werden, aus denen einmal Wälder gepflanzt werden.

Die Bilanz seiner Arbeit kann sich sehen lassen und der Nutzen seines Systems ist völlig unumstritten. Und dennoch hat er ein Ziel bislang nicht erreicht. Dreimal schon hat er der US-Weltraumbehörde NASA eine Zusammenarbeit angeboten. Sein Traum: Die Welt mit seinen Geräten von einem Satelliten aus zu scannen, um Umwelt-Gefahren rechtzeitig zu erkennen und gegenzusteuern. Dreimal erhielt er eine Absage. Aber aufgeben ist sein Ding nicht: »Wir sind weiterhin bereit loszulegen. Vielleicht rufen sie eines Tages doch noch an.«

ok, Onyx Ausgabe 3, Mai 2016