Onyx – Magazin für nachhaltiges Wissen, September Ausgabe 2016, Startup-Gründer aus den Europäischen »Silicon Valleys«

Lösungen aus Europas neuen »Valleys«

Europa hat die erste Halbzeit bei der Digitalisierung der Wirtschaft verloren. US-Software und asiatische Hardware dominieren den Weltmarkt. Doch nun herrscht auch in den europäischen »Silicon Valleys« Aufbruchstimmung. Über neue Lösungen von Start-ups in der Tech-Industrie

 

Gianpiero Lotito kommt zwar nicht aus dem Silicon Valley. Wirklich jung ist der 55-Jährige aus Pavia (72 000 Einwohner) bei Mailand auch nicht mehr. Doch wer sagt schon, dass Erfindungsgeist an das Alter gebunden ist. Lotito und seine Mitgründerin Mariuccia Teroni organisieren mit ihrem Start-up »Facility Live« digitales Wissen und haben eine Suchmaschine für Unternehmen entwickelt. Die liefert im Intranet oder bei Kundenfragen an Webseiten sehr genaue Ergebnisse, stellt das gefundene Wissen übersichtlich dar und vereinfacht dessen weitere Bearbeitung. Vodafone, Arriva oder die Unternehmensberatung Accenture nutzen die in 44 Ländern patentierte Software bereits. 70 Mitarbeiter hat das 2010 gegründete Unternehmen inzwischen, Büros in Pavia, London und Brüssel.

Gianpiero Lotito produzierte schon in den 1980er-Jahren digitale Medien für große Verlage . Er begann 2001 mit der Entwicklung einer Suchmaschine, die einfacher zu bedienen ist, bessere Ergebnisse liefert und Wissen übersichtlicher darstellt, organisiert und weiter verarbeitbar macht

Gianpiero Lotito produzierte schon in den 1980er-Jahren digitale Medien für große Verlage . Er begann 2001 mit der Entwicklung einer Suchmaschine, die einfacher zu bedienen ist, bessere Ergebnisse liefert und Wissen übersichtlicher darstellt, organisiert und weiter verarbeitbar macht

Der Mittelständler zählt zu einer Reihe der schnell wachsenden europäischen Start-ups. Nicht nur in Berlin, London und Stockholm, auch in Tallinn, Breslau oder in Sofia gibt es eine lebendige Gründerszene, Fachkräfte und digitale Netzwerke. Viele der jungen Unternehmen haben globale Geschäftsmodelle, einige werden von Kapitalgebern schon nach wenigen Jahren mit über einer Milliarde Euro bewertet. 236 dieser sogenannten »Unicorns« (Einhörner) hat eine Studie der Londoner Investmentfirma Atomico weltweit ausgemacht. Die meisten stammen noch aus Amerika, seit 2003 finden sich unter den wertvollsten Neugründungen aber auch zunehmend Start-ups aus China und Europa.

»Europa ist besser und erfolgreicher mit seiner eigenen Tech-Industrie, als viele denken«, sagt Lotito. Die Amerikaner dominieren zwar weiter die Software im Geschäft mit Konsumenten, die zugelieferte Hardware kommt meist aus Asien. Auch die derzeit wertvollsten Konzerne an den Börsen, Apple und Alphabet (Google), Microsoft und Facebook, stammen aus den USA. In der Weltliga der Softwarekonzerne spielt mit SAP nur ein einziges europäisches Unternehmen mit. Gianpiero Lotito glaubt trotzdem daran, dass Europa jetzt die große Chance hat, eine eigene, erfolgreiche Tech-Industrie aufzubauen. In den vergangenen Jahren habe sich viel getan. Ein Silicon Valley könne man zwar nicht schaffen, so Lotito: »Aber es sind in Europa bereits viele kleine Valleys entstanden.« Es gebe eine neue Generation europäischer Gründer mit globalen Geschäftsmodellen. Die Finanzierung habe sich verbessert, auch die Politik sei aufgeschlossener für die Chancen des digitalen Wandels. Die unterschiedlichen Regeln in den 28 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union – etwa bei Copyright oder Datenschutz – seien aber immer noch ein Hindernis für das Wachstum einer in Europa verwurzelten, gleichwohl global agierenden Tech-Industrie.

Mariuccia Teroni

Mariuccia Teroni: Die Wirtschaftswissenschaftlerin entwickelt mit Lotito die Suchmaschine und gründete 2010 Facility Live mit. Sie war Dozentin an der Mailänder Uni und hat über 20 Jahre Erfahrung im digitalen Info-Management und der Wissensarchivierung

Lotito hat daher mit knapp 30 weiteren Start-ups vergangenes Jahr die European Tech-Alliance mitbegründet: »Wir wollen die EU bei der Schaffung eines einheitlichen digitalen Binnenmarkts unterstützen.« Bis Ende des Jahres plant die Kommission dazu mehrere Gesetzesvorhaben, um bestehende Hemmnisse zu beseitigen. Dabei wollen die Gründer mitreden, die in Brüssel zuvor keine direkte Interessenvertretung hatten. In der neuen Allianz sind globale Unternehmen wie der Prager Hersteller Avast vertreten, dessen Sicherheitssoftware weltweit 230 Millionen Computer, Tablets und Smartphones schützt. Die Finanztechnologien (Fintech) sind mit Adyen dabei, deren Software alle 250 globalen Zahlungsmethoden im Online-Handel verarbeiten kann. Supercell aus Helsinki repräsentiert die starken nordischen Spielehersteller, der Stockholmer Streamingdienst Spotify und Soundcloud aus Berlin neue digitale Musikplattformen.

Präsident der Allianz ist der Schwede Niklas Zennström. Der 50-jährige Informatiker und Betriebswirt hat die Software Kazaa und den Videotelefondienst Skype Anfang des Jahrtausends mitentwickelt und technische Maßstäbe gesetzt, die das Geschäftsmodell der Musik- und Telekommunikationsindustrie nachhaltig veränderten. Zennström und seine Mitgründer verkauften Skype 2011 für 8,5 Milliarden US-Dollar an Microsoft. Der Schwede ist aber weiter im Geschäft und investiert mit seiner Wagniskapitalfirma Atomico in neue Start-ups. Viele andere erfolgreiche Gründer haben es ähnlich gemacht und so Netzwerke für Risikokapital geschaffen, die das Wachstum der europäischen Tech-Industrie fördern. Auf der Website von Atomico ist eine weltweite Übersicht von Start-ups seit 2003 veröffentlicht, die mit über einer Milliarde Dollar bewertet werden. 40 dieser »Einhörner« kommen aus Europa, Israel und Russland eingerechnet. 68 stammen aus Asien. »Es gibt immer mehr globale Erfolgsgeschichten europäischer Tech-Gründer«, sagte Zennström zuletzt in Brüssel. Frauen finden sich unter den neuen Start-ups (siehe Fotos) aber nur sehr selten.

»Berlin Valley«: knapp 30000 neue Jobs in der digitalen Wirtschaft, bis 2030 könnten es 300000 sein

Die Szene wird von Männern dominiert, auch im »Berlin Valley«. In der deutschen Start-up-Hauptstadt sind während der vergangenen acht Jahre rund 28 000 neue IT-Jobs entstanden. Ein Plus von 69 Prozent. 2,1 Milliarden Euro Wagniskapital wurden 2015 in Berlin investiert, so  die Unternehmensberatung Ernst & Young – vor allem im E-Commerce, bei Plattformen für Lieferdienste (Food) und Mode, bei Fintech oder Software für Big Data. Berlin zog dabei mehr Kapital an als London, Stockholm oder Paris. Mit der Technischen Universität (TU) und dem Potsdamer Hasso-Plattner Institut hat die Metropole zwei führende Hochschulen für Neugründungen im B2B-Geschäft. Bis 2030 könnte die digitale Industrie weitere 270 000 Arbeitsplätze schaffen, glaubt die Berliner Investitionsbank. Eine ähnliche, langsamere Entwicklung gibt es in anderen deutschen Städten, in der süddeutschen Biotech-Szene und im Maschinenbau etwa, wo Lösungen für vernetzte Fabriken und Fahrzeuge entstehen.

An Ideen mangelt es den neuen Gründern nicht. Einige brachten ihre Firmen bereits an die Börse wie die Modeplattform Zalando. Andere verkauften ihr Geschäft für 1,1 Milliarden Dollar wie die Göppinger Softwareschmiede Teamviewer. Die Dimensionen der Deals sind aber nicht mit Amerika vergleichbar, wo vier bis fünf Mal mehr Venture Capital in neue Gründungen fließt als in Europa, von den Forschungsausgaben großer Internet-Konzerne gar nicht erst zu reden.

Die Amerikaner bleiben Schrittmacher der digitalen Revolution, die vor rund 40 Jahren mit den ersten PCs begann und mit dem kommerziellen Internet seit den 1990ern sowie seiner mobilen Smartphoneversion seit 2007 immer neue Entwicklungsschübe auslöste. Die explosionsartige Steigerung der Rechnerkapazität in den vergangenen Jahrzehnten, kleinere und billigere Chips, Sensoren oder Kameras sowie die Vernetzung der Daten treiben die Veränderungen weiter an. Diese sind mit der Erfindung der Dampfkraft im 18. und der Elektrifizierung im 19. Jahrhundert vergleichbar, schreiben die Wissenschaftler Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee vom Bostoner Massachusetts Institute of Technology (MIT) in »The Second Machine Age« (Plassen Verlag). Computer, die Auto fahren und Fabriken steuern; Algorithmen, die Krankheiten diagnostizieren und exponentiell steigende Datenmengen der vernetzten Welt auswerten – das ist heute Realität und Daten gelten als neues Öl für Dienste im 21. Jahrhundert.

Der alte Kontinent empfindet das noch überwiegend als Kulturschock. Wirtschaftlich gesehen »hat Europa die erste Halbzeit krachend verloren«, sagte Telekom-Chef Tim Höttges bei einem der vielen IT-Gipfel in den letzten Jahren. So spürt jedes zweite Unternehmen nach einer Umfrage des Verbands Bitkom über die Branchen hinweg die Konkurrenz digitaler Wettbewerber, deren Neuentwicklungen Märkte grundlegend verändern und bestehende Produkte ersetzen können. Jedem zweiten Betrieb aus den Bereichen Auto, Banken, Medien, Pharma und Touristik fehle aber eine zentrale Strategie für unterschiedliche Aspekte der Digitalisierung.

In Deutschland sei die derzeitige Situation alarmierend, schreibt auch die Expertenkommission Forschung und Innovation in ihrem aktuellen Gutachten an die Bundesregierung. Das Land habe in den letzten Jahrzehnten an Boden verloren, konnte auch in den neuen Bereichen der digitalen Wirtschaft keine Stärken bei IT-basierten Prozessen aufbauen. Die Politik habe lange Zeit versäumt, gute Rahmenbedingungen für internetbasierte Geschäftsmodelle zu schaffen, und beim eigenen E-Government ist »noch viel Luft nach oben«, so die Kritik.

Impulse beim digitalen Wandel kommen im Moment eher aus der kreativen Start-up-Szene. Auch einige Konzerne leisten sich inzwischen eine »Start-up Garage« (BMW) oder gleich eine ganze »Start-up Autobahn« (Daimler). Immerhin haben traditionelle Industrien wie der Maschinenbau, mit seinen Stärken bei komplexen Produktionssteuerungen und vernetzten Fabriken, noch alle Chancen bei der Digitalisierung. Europa hat zwar das Geschäft mit Privatkunden an das Silicon Valley verloren. Bei Lösungen für Geschäftskunden und dem Aufbau sicherer Clouds hat die zweite Halbzeit aber gerade erst begonnen. »Die Industrie 4.0 ist eine Riesenchance, es konnte ja nichts Besseres passieren, als dass Google und Apple jetzt an Autos arbeiten, das rüttelt hier endgültig alle wach«, sagte Oliver Samwer (43) in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Ein Selbstläufer wird das aber nicht. »Heute ist keiner mehr geschützt«, so der Vorstandschef der Berliner Beteiligungsfirma Rocket Internet. Die Holding für rund 150 junge Internetfirmen beschäftigt weltweit 36 000 Mitarbeiter. Samwer und seine zwei Brüder investieren vor allem im wachsenden E-Commerce. Nach amerikanischem Vorbild skalieren sie globale Geschäftsmodelle mit hohen Verlusten, um  danach als Spartenführer Gewinne einzufahren.

»Globale Unternehmen können heute überall entstehen, auch in kleinen europäischen Städten«

Je nach Branche gibt es dafür auch Risikokapital. »In den vergangenen Jahren hat sich die Situation stark verbessert, um während der Gründungsphase Kapital einzusammeln«, sagt Christian Rietz von Bitkom. Nach den ersten drei bis fünf Jahren werde es für schnell wachsende Unternehmen aber schwieriger. Finanzminister Schäuble plant daher einen neuen, zehn Milliarden Euro schweren »Tech Growth Fund«. Kapitalintensiveren Neugründungen könnte das etwa in der Biotech-Branche Süddeutschlands helfen. Dort gelingt es nur einzelnen Start-ups wie etwa dem Tübinger Curevac, Summen von 300 Millionen Euro einzusammeln. An dem Unternehmen sind Bill Gates und der SAP-Mitbegründer Dietmar Hopp beteiligt. Er zählt mit Hasso Plattner zu den Doyens unter den europäischen Gründern.

Schon 1972 hatte Plattner mit vier IBM-Kollegen die Walldorfer SAP mitgegründet. Der Softwarekonzern ist heute mit weltweit rund 80 000 Mitarbeitern und 21 Milliarden Euro Umsatz Marktführer bei der Software für Unternehmen. Bis heute entwickelt der 72-jährige Aufsichtsratschef von SAP neue Datenbanktechnologien mit, die auch bei Big Data führend sind. Bei der Vernetzung von Daten etwa, um über Sensoren in Maschinen früher defekte Teile zu erkennen. Im Gesundheitsbereich, wo per Datenauswertung Krankheiten besser eingeschätzt, prognostiziert und behandelt werden können.

Deutschland behindere sich bei solchen Zukunftsgeschäften mit seiner übertriebenen Angst vor Neuem oft selber, sagte er dem Handelsblatt Anfang des Jahres. Statt vorher jahrelang über den Datenschutz zu diskutieren, wäre es besser, mit Pilotprojekten erst einmal zu schauen, welche Probleme auftreten und wie man Daten sicher anonymisieren kann. Im Zuge solcher Erfahrungen könnte es auch sein, dass der Datenschutz dann ganz anders geregelt werden müsste als gedacht. Plattners SAP erforscht derzeit etwa mit der amerikanischen Onkologen-Vereinigung Asco und den Daten von 35 000 Ärzten neue Zusammenhänge über Krebserkrankungen. Solche großen Projekte könnten auch in Deutschland entstehen; mit den politischen Rahmenbedingungen tue sich das Land aber schwer.

facilitylive-leonardo

Facility Live – Suchmaschine der nächsten Generation: Mit der Suche nach »Leonardo da Vinci« überzeugten Lotito und Teroni 2009 die amerikanische Patentbehörde (Screenshot im damaligen Design) von der neuen Technologie. Relevantes Wissen wird in Fenstern für Text, Videos oder PDfs angezeigt, die Technik liefert auch bei komplexen Suchen bessere Ergebnisse. Im Moment für Unternehmen verfügbar, ab 2018 für alle User geplant

»Das Internet ist für uns alle Neuland«, sagte etwa Bundeskanzlerin Angela Merkel vor drei Jahren nach den Snowden-Enthüllungen über die Überwachungspraxis der NSA und den massenhaften Zugriff auf europäische Nutzerdaten. Unter politischem und juristischem Druck mussten die EU-Staaten dann das alte Safe-Harbor-Abkommen mit den USA neu verhandeln und einigten sich nach jahrelang blockierten Verhandlungen auf eine europäische Datenschutzgrundverordnung. Diese tritt 2018 in Kraft und beinhaltet etwa das Recht auf Vergessenwerden, die Weiterverarbeitung persönlicher Daten nur nach ausdrücklicher Zustimmung der betroffenen Person und Strafen von bis zu vier Prozent des Jahresumsatzes bei Verstößen.

Für das Urheberrecht, den Umgang mit Big Data oder das Internet der Dinge fehlen aber nach wie vor rechtliche Rahmenbedingungen. Die Kommission plant jetzt Ende des Jahres Gesetzesinitiativen für einen einheitlichen digitalen Binnenmarkt, um bis 2020 für freiere Datenflüsse in Europa zu sorgen. Es könnte für Start-ups also leichter werden – auch wenn man einen neuen Steve Jobs (Apple) oder Larry Page (Google) unter Europas Gründern vielleicht nicht so schnell erwarten sollte. Doch wer weiß, möglicherweise sind deren hochgehandelte Konzerne schon die Dinosaurier von übermorgen.

Gianpiero Lotito aus Pavia ist jedenfalls überzeugt, dass die eben erst begonnene Digitalisierung der traditionell starken herstellenden Industrien Europas ein enormes Wachstumspotenzial für die Tech-Branche bietet. Für neue Lösungen müsse niemand mehr ins Silicon Valley: »Unsere erfolgreichen europäischen Start-ups haben längst gezeigt, dass globale Unternehmen überall entstehen können, auch in den kleineren Städten des alten Kontinents.« Die nächsten »jungen« Gründer stehen schon in den Startlöchern.

mo, Onyx, Ausgabe September 2016