Donaumast go: neue Strommasten für die Energiewende

… jetzt kommt der Vollwandmast

Sechzig Meter ragt er in den Himmel, 25 Tonnen Stahl, geschraubt in fast filigraner Gitterstruktur. Er ist der Klassiker 
unter den deutschen Strommasten, die Kenner nennen ihn Donaumast. 1927 
erblickte er das Licht der Welt auf der Trasse entlang der Donau zwischen 
Regensburg und Passau. Zuverlässig tut er seitdem seinen Dienst, langlebig und wartungsarm, mit der typischen Bauform mit den zwei Traversen hat er sich bald durchgesetzt und avancierte zum am weitesten verbreiteten Mast in Deutschland für die Stromübertragung in Hochspannung.

Die Konstruktion mit den ausgestellten Füßen, die an den Eiffelturm erinnert, prägt das Landschaftsbild ganz selbstverständlich. Die Stahlkolosse fallen in der Landschaft kaum noch auf, ja, sie sind zu einem Augenfreund geworden – bis die Energiewende kam und der Protest gegen neue Stromautobahnen den Donaumast in Verruf brachten.

»den Hochspannungsmasten 
neu denken«

Bürgerinitiativen haben ihn als »Monstermast« verschrien, höher als so mancher Kirchturm. Naturschützer klagen ihn wegen des Todes von Vögeln an, Anwohner sorgen sich um die magnetischen Strahlungen der neuen Höchstspannungsleitungen, die den Windstrom aus dem Norden in die süddeutschen Wirtschaftszentren transportieren sollen.

Kurzum, der Donaumast begann unangenehm aufzufallen. Er wurde plötzlich zum Relikt eines längst vergangenen industriellen Zeitalters, zum Auslaufmodell. Auch in anderen europäischen Ländern scheint die Zeit der Stahlgittermasten vorbei.

Für den ehemaligen britischen Energieminister Chris Huhne war es sogar »eine der umstrittensten Fragen des modernen Großbritanniens, den Hochspannungsmast neu zu denken«. Nun wird in England, auch in Holland oder Deutschland an kompakteren Strommasten geforscht. Bei 50Hertz etwa, einem der vier deutschen Betreiber des Höchstspannungsnetzes, sind Vollwandmasten schon reif für den Pilotbetrieb.

»Wir testen ein weltweit neues System, Strom zu übertragen«

Vollwandmast

Grafik: 50Hertz/Onyx

Die neu entwickelte »CompactLine« ist nur etwa halb so hoch wie der Donaumast und die Trassen, sprich der Landverbrauch, sind deutlich schmaler. Auch das sogenannte Durchhängeproblem wurde gelöst. Denn: Je niedriger der Mast, desto mehr Stützen müssen in geringerem Abstand gebaut werden, um beim Durchhängen der Stromseile die rund acht Meter Mindestabstand zum Boden einzuhalten.

»Wir haben daher die Stromleitungen sehr straff gespannt«, beschreibt Projektleiter Bastian Bohm von 50Hertz den Lösungsansatz. »Als Aufhängung nutzen wir ein Stahlseil, das auch bei Bergbahnen im Alpenraum verwendet wird.« An dem werden die Leitungen im Abstand von 20 Metern befestigt. Das verringert den Durchhang und seitliches Ausschwingen. Im ersten Belastungstest hat das System schon überzeugt. Ein Kran hat rund 8 000 Kilogramm schwere Gewichte an die Leitungen gehängt, womit die doppelte Belastung durch Eis und Schnee im Winter simuliert wurde. Bohm: »Die Leitungen müssen nicht nur die Last, sondern auch das Abplatzen des Eises aushalten. Sie schnellen dann nach oben und dürfen sich dabei aber nicht überschlagen.«

Das Team um den 41-jährigen Diplomingenieur von 50Hertz, darunter Fachleute der Technischen Hochschule Aachen (RWTH) und des Bundesamts für Materialforschung und -prüfung, ist jedenfalls zufrieden mit den Versuchen. Ab dem nächsten Jahr ist eine zwei Kilometer lange Pilotstrecke geplant. Statik und Material, eventuelles Surren und elektromagnetische Felder werden mit Sensoren geprüft. Sollte alles klappen, könnte der neue Mast nach einigen Jahren Belastungstests in den Regelbetrieb gehen und den Netzausbau vereinfachen – hoffen sie nicht nur bei 50Hertz. Bohm: »Eines der Ziele ist es, bei der Bevölkerung eine höhere Akzeptanz für neue Strommasten zu erreichen.« Das aus gutem Grund. In den nächsten zehn Jahren sind bundesweit knapp 4 000 Kilometer neue Stromautobahnen nötig. Zudem müssen viele bestehende 220-Kilovolt-Leitungen aufgerüstet werden, was mit der CompactLine ohne Verbreiterung der bestehenden Trassen und mögliche Bürgerproteste erfolgen könnte.

Hoffnung: Beginn einer »neuen 
Ära der Energiearchitektur«

Auch in anderen europäischen Ländern wird an neuen Strommasten gearbeitet. Der isländische Energieversorger Landsnet startete dazu 2008 sogar einen Designwettbewerb (Foto rechts). Die Entwürfe sind bislang aber noch nicht realisiert worden.

Choi+Shine

Foto: Choi+Shine Architects

England suchte ebenfalls neue Mastformen, um den »Beginn einer neuen Ära der Energiearchitektur« einzuläuten, so die kühne Prophezeiung des damaligen Energieministers.

Kompaktmast-England

Foto: Lightworks/nationalgrid

Den neuen »T-Pylon« (Foto links) des dänischen Architekturbüros Bystrup erprobt der britische Netzbetreiber National Grid seit vergangenem Jahr im Testzentrum in Nottinghamshire. Das neue Design soll den Umbau des Stromnetzes mit erneuerbaren Energien symbolisieren. Die Schönheit der Masten spielt in Deutschland bislang eher keine Rolle. Seit mehreren Jahren wird aber auch im Land der Ingenieure mit öffentlichen Fördermitteln an neuen Vollwandmasten geforscht. Von den deutschen 
Betreibern des Höchstspannungsnetzes prüfte etwa Tennet die Einführung der in Holland bereits eingesetzten Wintrack-Masten, scheiterte aber an deutschen DIN-Normen. Amprion will noch dieses Jahr Vollwandmasten auf einer sechs Kilometer langen Strecke erproben.

Viele erfahrene Elektroingenieure bleiben bei einem großflächigen Einsatz aber skeptisch. So sind Vollwandmasten zwar deutlich günstiger als eine Erdverkabelung. Der Leitungsbau könnte aber um etwa die Hälfte teurer sein als beim Donaumast. Kompaktversionen sind auch schwerer zu transportieren und später nicht so einfach um- oder aufrüstbar. Sie tragen zudem oft nur zwei Stromkreise, während bei Stahlgitterkonstruktionen drei Mal so viele möglich sind.

Angesichts von rund 35 000 Kilometern Stromautobahnen und weit über 80 000 Masten dürfte eine neue Energiearchitektur ohnehin noch etwas dauern. Der Donaumast kann seinem einhundertjährigen Jubiläum im Jahr 2027 auf jeden Fall gelassen entgegensehen.

kb, Onyx, Ausgabe Februar 2016