Die Restaurierung von Timbuktus antiken Manuskripten

Wie in Bamako einheimische Restauratoren ausgebildet werden und die uralten Handschriften aus Timbuktus Bibliotheken sichern

Am Anfang ging es nur um Notfallmaßnahmen: Im feuchten Klima Bamakos drohten die Handschriften während der Regenzeit in den Kisten zu verschimmeln. »Wir haben Luftentfeuchter in den Lagerräumen aufgestellt«, so die Berliner Restauratorin Eva Brozowsky. Neu installierte Solaranlagen versorgen die klimatisierten Räume während der häufigen Stromausfälle in der krisengeschüttelten Hauptstadt Malis zuverlässig mit Energie.
Seit 2013 schult Eva Brozowsky, die am Hamburger »Centre for the Study of Manuscript Cultures (CSMC)« angestellt ist, auch 20 einheimische Kräfte in den wichtigsten Techniken der Restaurierung: Wie mit kleinen Bewegungen Verschmutzungen abgehoben, fragile Handschriften stabilisiert und sicher aufbewahrt werden. Auch das Verständnis für die Herstellung von Tinte, Papier und Farben fördert die Diplom-Restauratorin mit eigenen Materialforschungen und baut Netzwerke zu anderen Fachleuten in Mali auf. »Wir wollen die einheimischen Helfer so nachhaltig wie möglich schulen, damit sie später unabhängig arbeiten können.«

Neue Lösungen zum Erhalt der Manuskripte

Per Skalpell passt eine Restauratorin (Foto li.) dünnes Japanpapier an, um es dann an den Rändern des beschädigten alten Manuskripts einzukleben. Das brüchige Papier wird auf diese Weise stabilisiert und gesichert. Die Konservierung und Restaurierung ist eine Herausforderung. Etwa 20 Prozent der knapp 300 000 Manuskripte sind stark beschädigt, weitere 20 Prozent äußerst fragil.

Termiten und andere Insekten haben dem Papier und den Ledermappen zugesetzt. Zudem ist die in Timbuktu hergestellte Eisengallustinte oft nicht wasserfest, sind viele Materialien und Farben noch unerforscht. »Wir können europäische Konservierungsmethoden daher nicht eins zu eins übertragen«, sagt Eva Brozowsky.

So werden Papier und Leder mit weichen Bürsten und speziellen Gummischwämmen trocken gereinigt, Ablagerungen oder Insektenrückstände dann mit Skalpellen oder speziellen Saugvorrichtungen entfernt. Anschließend müssen Risse und Bruchstellen im Papier ausgebessert werden. Dazu verwenden die Restauratoren hauchdünnes, durchscheinendes japanisches Papier. Es wird aufgeklebt, wobei die in Europa verwendeten Klebstoffe in Afrika ungeeignet sind. Sie basieren auf Stärke und würden Insekten anlocken. Eva Brozowsky und ihr Team verwenden daher einen speziell zubereiteten Klebstoff auf Methyl­cellulosebasis.

Zum Schluss kommen die antiken Handschriften in selber hergestellte Boxen aus nicht säurehaltigem Karton, der die Werke vor Feuchtigkeit, weiterem Insektenbefall oder Stößen schützt. Die Arbeiten sind zeitaufwendig, da das in vielen Fällen brüchige Papier erst per Hand gesichert werden muss. Schäden lassen sich zwar nicht rückgängig machen, aber die Lesbarkeit der Handschriften kann verbessert werden. Erst nach den Arbeiten können fragile Werke dann katalogisiert und digitalisiert werden. Bis Ende 2014 konnten mit internationaler Hilfe insgesamt rund 78000 Bände der Privatbibliotheken Timbuktus katalogisiert werden.

mo, Onyx Ausgabe 1, Oktober 2015